Dürnten? – Ach ja, Dürnten!

Where the hell is Dürnten? Fragte vor Jahren mein leider verstorbener Freund. Jetzt, im Winter 2014 weiss es wohl die ganze Deutschschweiz, müsste er nicht mehr fragen. Dürnten ist das vom Steuerparadies weitest entfernte Dorf in der Aglo Zürich. Es ist das Dorf, das drastisch beweist, dass der Bürger vor dem Staat geschützt werden muss, frohlocken die Rechtsaussen. Ob der Satz auch für den „unbescholtenen“ Bürger gilt, dafür liefert Dürnten keinen Beleg, denn der Steuerzahler, der da dramatisch geschröpft wurde, hatte eine ganz wichtige Pflicht nicht erfüllt: Er füllte keine Steuerklärung aus. Das mag der Staat nun gar nicht. Schliesslich prahlte die Schweizer Regierung im Gespräch mit Österreich, wie gut das System der „freiwilligen“ Vermögenserklärung der Bürger funktioniere. Also feste drauf, bis der arme Dürntner als Hilfsarbeiter ein Bundesratsgehalt zu versteuern hatte. Und fast bankrott ging.

Nun aber rumorte es im Volk. Die Bürger standen auf, wehrten sich für den säumigen Formulareinreicher – der aber seine viel zu hohen und immer höheren Steuern immer brav bezahlt hatte – und zwangen den Gemeindepräsidenten zum Kompromiss. Der vom Steueramt also Geplagte schluckte den Kompromiss, nicht aber die Bürger Dürntens. An der Gemeindeversammlung wurde verlangt, dass die Gemeinde die zuviel bezahlten Steuern in Form einer Schenkung zu grossen Teilen zurück zahlen müsse.

Eine Schenkung, wehrte sich der Gemeindepräsident, ziehe nur wieder weitere sehr hohe Steuern nach sich und verschlechtere zudem die Finanzlage der Gemeinde ganz erheblich.

Die traurige Geschichte ist für Politiker jedweder Couleur eine schöne Gelegeheit, sich zu profilieren. Kantonsräte von links bis rechts, von katholisch bis liberal befragen den Regierungsrat. Der nimmt sich nun bestimmt sechs Monate Bedenkzeit.

Wie die Geschichte wohl weiter geht? Wir werden es erst nach Weihnachten erfahren – Santa Claus jedenfalls hat noch kein Wunder bewirkt.

Lesefrüchte

Wie dumm von mir, es sind ja Studenten, und die lesen natürlich keine Bücher.

Ball der Verlorenen Seelen. Nigel Barlay. In NZZ Folio Nr. 281

 

Die Erdnuss … kam aus Brasilien, oder sie kam aus Peru, oder sie kam aus Brasilien nach Peru, oder sie kam aus der Guarani-Region von Paraguay und Bolivien nach Brasilien und Peru; genau weiss das keiner. Die Spanier brachten sie in die Karibik, wo die Arawaks sie ‚mani’ nannten; dann brachten sie sie aus der Karibik nach Mexiko, wo die Azteken sie ‚cacahuete’ nannten; beide Wörter sind noch heute im Spanischen in Gebrauch. Die Portugiesen brachten sie nach Afrika, wo sie ‚nguba’ genannt wurde; die Sklaven brachten sie in die Südstaaten, wo sie ‚goober’ oder, wie in dem Lied, ‚goober pea’ genannt wurde. Die Spanier brachten sie auf die Philippinen, von dort breitete sie sich in China aus, wo sie ‚die fremde Bohne’ genannt wurde. Die Chinesen brachten sie nach Japan, wo sie die ’chinesische Bohne’ genannt wurde. Irgendjemand, keiner weiss wer, brachte sie von Afrika nach Indien, wo sie ‚Mozambikbohne’ genannt wurde. Im Goldrausch um 1870 brachten die Chinesen sie nach Australien … Die den Nordamerikanern eigene Köstlichkeit, Erdnussbutter, wurde um 1890 von einem Arzt in St. Louis erfunden, doch niemand kennt seinen Namen. [Und die Orange?] Der Mond weint und sagt: Ich möchte eine Orange sein. Der Astronaut Alan B. Shepard nahm eine Erdnuss mit auf den Mond.

Orangen! Erdnüsse! Eliot Weinberger. Berenberg 2011

 

Le jour du Quatorze Juillet
Je reste dans mon lit douillet.
La musique qui marche au pas,
Cela ne me regarde pas.

La mauvaise réputation. George Brassens

 

Jeder fundamental neue Weltaspekt wirkt „zersetzend“, zersplittert kompakte Solidaritäten, zerreisst eingelebte Zusammenhänge. Spätere Zeitalter, die ihn nicht mehr nötig haben, pflegen den Dichter der Vergangenheit sehr zu schätzen, lassen ihn in der Schule lernen und versuchen, die lebenden Dichter mit ihm totzuschlagen; aber seine Zeitgenossen, die einzigen Menschen, die ihn brauchen, nennen ihn zersetzend.

Egon Friedell in „Kulturgeschichte der Neuzeit“ 1927 – 31. Diogenes 2009

 

Wir sind politisch korrekt bis zum Gehtnichtmehr. Aber die Ungeheuerlichkeiten dieser Welt werden seltsam ruhig hingenommen.

Das Geld, die Arbeit, die Angst, das Glück. Urs Widmer. Diogenes 2002

Flussschifffahrt auf der Seine

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Ich bin mir nicht ganz sicher; aber: sehen wir da im Hintergrund nicht den Pont Mirabeau? [Ein Klick auf das Bildchen vergrössert es.]

Sous le pont Mirabeau coule la Seine
Et nos amours
Faut-il qu’il m’en souvienne
La joie venait toujours après la peine
Vienne la nuit sonne l’heure
Les jours s’en vont je demeure
Guillaume Apollinaire

Vom Quai André Citroën legte unser Schiff ab, Seine abwärts Richtung Normandie. Ein erster „Landausflug“ galt dem Blumengarten des Seerosenmalers Claude Monet, den wir an einem Sonntag bei starkem Regen und inmitten einer gewaltigen Menschenmenge besuchten.
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Andere Exkursionen galten dem Apfel, nämlich dem Cidre und dem Calvados.

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In der Normandie begleitete uns ein Führer, der in gewandtem, manchmal erfindungsreichen Deutsch liebevoll seine Heimat schilderte – er stammt aus Rouen – und seine Sprache, den normannischen Dialekt, erklärte. Er sprach von der Heiligen Dreifaltigkeit der Normandie, dem Camembert, dem Pont l’Evêque und dem Livarot. Käse aus pasteurisierter Milch nannte er « de la merde » und übersetzte gleich selbst: „Das ist Scheisse!“

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Selbstverständlich erzählte er ausführlich von den Beziehungen zwischen der Normandie und England, vom Hundertjährigen Krieg, von Jeanne d’Arc und von Richard Coeur de Lion, „dem Muttersöhnchen“, wie er sagte, welcher Château Gaillard bei Les Andelys hatte erbauen lassen.

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Die Ruine macht noch heute spürbar, welch mächtiger Bau das gewesen sein musste.

Und dann waren wir am Meer! « Nous disons la Manche », sagte Schlapphut, was ja durchaus auch für uns gilt. Am Ärmelkanal sind seinerzeit die ersten mondänen Badeferienorte entstanden. Die einstigen Fischerdörfer Trouville und Honfleur liessen mich an Cabourg denken, wo Marcel Proust jeweils seine Ferien verbracht hatte, und das in seinem Werk « A la recherche du temps perdu » den Namen Balbec trägt.
Marcel Proust in „Im Schatten junger Mädchenblüte“: „Doch dann, am folgenden Morgen, welch eine Freude – nachdem einer der Hotelbediensteten mich geweckt und mir heisses Wasser gebracht hatte, während ich meine Toilette machte und vergebens die Sachen, die ich brauchte, in einem Koffer suchte, aus denen ich nur in völligem Durcheinander lauter Dinge zog, die mir zu nichts nützten, und ich schon an das Vergnügen des Mittagessens und der Promenade dachte -, im Fenster und auf den Scheiben vor den Wandregalen wie durch die Bullaugen einer Schiffskajüte das Meer frei daliegen zu sehen, heiter und doch verschattet auf einer Hälfte seiner Weite, die von einer schmalen, beweglichen Linie abgeschlossen wurde, und mit den Augen den Wellen zu folgen, die eine nach der anderen wie Artisten von einem Sprungbrett schnellten! Unaufhörlich kehrte ich mit meinem steifgestärkten Handtuch, auf dem der Hotelname stand und mit dem ich mich vergebens abzutrocknen versuchte, an das Fenster zurück, um noch einmal einen Blick auf die gleissende, bergig schwellende weite Arena und die schneeigen Gipfel der stellenweise in durchscheinender Glätte leuchtenden Wogen aus Smaragd zu werfen, die mit gelassener Wucht und löwenhaft gefurchter Stirn das Niederbrechen und Niederströmen ihrer Hänge spielen liessen, auf die das Sonnenlicht sein gesichtsloses Lächeln setzte.“

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Das sind die berühmten Alabasterfelsen von Etretat. Hier lebte ein anderer, vielleicht noch bekannterer Schriftsteller, nämlich Maurice Leblanc, der mit seinem Gentleman-Meisterdieb Arsène Lupin einen modernen Robin Hood geschaffen hat.

In Rouen schliesslich begegnete uns ein anderer Künstler, den ich auf dieser Homepage schon einmal erwähnt habe, nämlich Marcel Duchamp. « Né à Blainville-Crevon le 28 juillet 1887, ce fils de notaire est resté d’une extrême retenue après son passage sur terre. « Ingénieur du temps perdu », il revendiquait le droit à la paresse. Il était aussi « anartiste », superbe néologisme pour qualifier une personnalité hors du commun, « marchand de sel » et « joueur d’échecs » avec son ami photographe Man Ray.
Il disait « Je me suis forcé à me contredire pour éviter de me conformer à mon propre goût ».
Une épitaphe est gravée sur sa tombe au Cimetière Monumental de Rouen : « D’ailleurs, c’est toujours les autres qui meurent. » Ben voyons, serait-on tenté de lui répondre ! »[Quelle : Broschüre des Office de Tourisme in Rouen]
Bei einer im Jahr 2004 durchgeführten Umfrage unter 500 Kunstexperten wurde Duchamps Ready-made Fountain zum „most influential modern art work of all time“ gewählt. Es lag damit vor Pablo Picassos Gemälde Les Demoiselles d’Avignon und Andy Warhols Marilyn Diptych. [WikipediA] und ist ein simples Urinoir. Auf seinen Wunsch hin hat die Stadt Rouen Marcel Duchamp eine Toilette gewidmet – die ich ehrfurchtsvoll benutzt habe:

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Am Schluss unserer Reise erreichten wir wieder Paris, genossen einmal mehr diese grossartige Stadt, feierten auf der Place de l’Odéon in Erinnerung an unsere Verlobung dort vor doch einigen Jahren und spazierten gemütlich durch den Jardin de Luxembourg, worüber ich nun nicht Proust sondern Rilke zu Wort kommen lassen möchte.

DAS KARUSSELL
Jardin du Luxembourg
Mit einem Dach und seinem Schatten dreht
sich eine kleine Weile der Bestand
von bunten Pferden, alle aus dem Land,
das lange zögert, eh es untergeht.
Zwar manche sind an Wagen angespannt,
doch alle haben Mut in ihren Mienen;
ein böser roter Löwe geht mit ihnen
und dann und wann ein weisser Elefant.
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Und dann und wann ein weisser Elefant.

Und das geht hin und eilt sich, dass es endet,
und kreist und dreht sich nur und hat kein Ziel.
Ein Rot, ein Grün, ein Grau vorbeigesendet,
ein kleines kaum begonnenes Profil -,
Und manchesmal ein Lächeln, hergewendet,
ein seliges, das blendet und veschwendet
an dieses atemlose blinde Spiel …

Die Protestantische Ethik und der „Geist“ des Kapitalismus

Wir genossen ein paar Tage Genf und Umgebung, logierten in einem Hotel unmittelbar hinter dem Palais Wilson, in welchem ich in den Siebziger Jahren öfters im Secrétariat de la Conférence suisse des directeurs cantonaux de l’instruction publique (CDIP) gearbeitet hatte. Höhepunkte unseres Aufenthaltes waren erstens ein Besuch in der Fondation Bodmer, die mir unbekannt war, und in der ein Erstdruck der lateinischen Gutenbergbibel ausgestellt ist. « Nous sommes la suite de St Galle ; nous commençons au quinzième », disait la guide. Ich bewunderte die Erstausgabe von Don Quijote und die Lutherschen Thesen im Originaldruck. Natürlich darf die Handschrift Goethes nicht fehlen! Der zweite Höhepunkt war mir ein Spaziergang durch die Altstadt von Carouge, die in kürzester Zeit von italienischen Architekten erbaut worden war als königlich-katholische Konkurrenz zum republikanisch-reformierten Genf. Da kannte ich bislang nur die umliegende Industriewüste. Die Altstadt wirkt ähnlich harmonisch geschlossen wie etwa Noto oder Ragusa in Sizilien, die im 16. Jahrhundert nach einem Erdbeben auch in wenigen Jahren von Grund auf neu erbaut worden waren. – Und der dritte Höhepunkt, sozusagen das Highlight? Die weiblichen Promenierenden auf dem Quai Wilson in ihren High Heels verdrehten die Hälse: Ein röchelnd (Zwölfzylinder scheinen noch immer wahre Diven zu sein.) vorbei dröhnender, über und über mit Gold glänzender Lamborghini Countach.
Eine Villa am Ufer gegen Hermance sei letzthin für 200 Millionen verkauft worden, hörten wir. Die Pest, die Hexenverbrennungen und die Lockerung des Zinsverbots unter der Reformation erklärten Genfs Aufstieg zur Finanzkapitale; frische, hungrige Kräfte strömten ins entvölkerte Genf. Genf, zusammen mit Zürich eine der teuersten Städte der Welt – die Calvinstadt und die Zwinglistadt!
Ich denke an Max Weber und setze daher den Titel seines bekanntesten Buches über diese Zeilen.

Über Bildung – aus aktuellen Zeitungen und neuen Büchern

Konrad Paul Liessmann von der Universität Wien kritisiert in der NZZ vom 15. September 2014 die Kompetenzorientierung des Lehrplans 21 wie folgt:
Zukünftige Bildungsforscher werden in der Umstellung auf die Kompetenzorientierung vielleicht den didaktischen Sündenfall unserer Epoche sehen, die Praxis der Unbildung schlechthin.

Auch Peter Sloterdijk schreibt in seinem sehr umstrittenen Buch „Die schrecklichen Kinder der Neuzeit“ [2014] von „der versunkenen Ära der Allgemeinbildung“ – damals, als es das Abendland noch gab, konnten die Leute noch lesen!

Peter Bichsel übrigens schreibt in seinen Kolumnen, die oft unterschätzt werden, immer wieder gegen die sture Ausrichtung auf wirtschaftlichen Erfolg und die Vernachlässigung von weit gefasster Bildung an. Beispielsweise in der Kolumne „Zeit zu lesen“ [2002]: „… die Pisastudie, die feststellt, dass es schlecht steht um die Lesefähigkeit der Jungen. Und selbstverständlich kann das nur die Schule gewesen sein, die versagt hat. Doch ich fürchte, die Schule hat nur insofern damit zu tun, dass sie eben ein Teil der Welt ist – jener Welt, die längst zu schnell geworden ist für das Lesen. Ich fürchte, wieder einmal mehr wird hier etwas auf die Schule geschoben, was nicht die Schule angeht, sondern uns alle – und eine Pisastudie unter Erwachsenen hätte wohl noch viel erschreckendere Ergebnisse.
Das Verhältnis der Gesellschaft zur Schule ist verlogen. Eine Welt, die nicht mehr liest, möchte lesende Schüler. Eine Welt der Gewaltigen und in der Gewalt Tätigen möchte eine Schule, die zur Gewaltfreiheit erzieht. Die erfolgreichen Einzelkämpfer möchten eine Schule, die das Sozialverständnis fördert. Aber in Wirklichkeit möchten wir doch nur eine Schule für Erfolgreiche, für eine erfolgreiche Wirtschaft zum Beispiel. Und diese Schule haben wir doch – und diese Wirtschaft auch. Und nicht die Schule hat die Welt gemacht, sondern wir.“

Frank A. Meyer nimmt in der Schweizer Illustrierten deutlich Stellung gegen das kurzsichtige „Vorbereiten auf Wirtschaft und Staat“: „Ich meine, dass der universitäre Weg durch zunehmende Verschulung nur noch eine Schmalspur-Ausbildung bietet: Intellektuell kurzatmige Knaben und Mädchen werden als «Bachelor» oder «Master» auf Unternehmen losgelassen. Lästigstes Beispiel dafür sind die Rollkoffer-Kommandos unzähliger Beraterfirmen, die für kurze Zeit die Chefetagen von Firmen entern, nach ein paar Monaten wieder verschwinden und nichts als nutzlose Powerpoint-Präsentationen hinterlassen.“ [Schweizer Illustrierte vom 10. September 2014]

Die Arena vom 12. September 2014 diskutierte die Frage, wie viele Sprachen in der Primarschule unterrichtet werden sollen. Und falls es nur eine wäre, welche denn: Englisch oder Französisch?
[Ist das Konzept aus den Siebziger Jahren, wie wir Schweizer mit einander kommunizieren wollen, wirklich zu elitär? Jeder spreche in seiner Muttersprache, verstehe aber den Compatriote (aus dem Nachbarkanton).]

Wenn wir vier Freunde zusammen sitzen, alles ehemalige Lehrer, Bildungsfachleute also, ist es nicht verwunderlich, dass wir solche Debatten recht leidenschaftlich weiter führen. Ich sage allerdings zunächst etwas mutlos, als alter Mann mische ich mich da nicht mehr ein. Mir wird aber heftig widersprochen: Lasst uns weiter streiten für ein Humanitätsideal, das, wie bei Antoine de Saint-Exupéry, nicht die Masse, sondern den konkreten Menschen in seiner existentiellen Situation ins Zentrum rückt. Setzen wir uns dafür ein, dass Michael Hampe nicht recht behält. Schreibt er doch: Es hat sich „trotz aller Einsichten der Pädagogik in den Wert einer Schulung, die sich den einzelnen zuwendet und sie möglichst selbst zu Erkenntnissen kommen lässt, für das Leben und das Glück einzelner Menschen in den Schulen wenig geändert … Die auf die Fähigkeit zur Partizipation an der Demokratie abzielende Reformpädagogik war lediglich ein Intermezzo in der Entwicklung von der sozialdarwinistischen Erziehung zum Training für den globalen Bildungs- und Arbeitsmarkt, auf dem sich ‚die Deutschen’ für die Auseinandersetzung mit ‚den Chinesen’ ‚fit’ machen müssen und die OECD mit den PISA-Tests regelmässig ihre Fitness prüft.“ [Michael Hampe. Die Lehren der Philosophie 2014]

Vielleicht ist es ja so, dass sich nicht die Reformpädagogik sondern die Kompetenzorientierung als Intermezzo herausstellt, argumentierte mein Freund.

Après nous le déluge

Umberto Eco, der italienische Semiotiker und Bestsellerautor (Der Name der Rose), sagt immer wieder, dass die Bücher im Büchergestell miteinander redeten. Sie tun das im Kopf des Lesers. Markante, einleuchtende, faszinierende, bewegende Stellen erinnern an Passagen in anderen Büchern – und schon eile ich zum Gestell und suche in längst verflossener Lektüre.
Zurzeit habe ich Sloterdijks „Die schrecklichen Kinder der Neuzeit“ hinter mir. Kein Buch für trauliche Mussestunden, vielmehr die Darlegung einer zutiefst pessimistischen Weltsicht. In unserer heutigen Welt herrscht Ratlosigkeit gegenüber einer mehr als ungewissen Zukunft:
„Hamlet stirbt kinderlos und ratlos, indem er dem siegreichen Nachfolger müde zuwinkt. Nicht nur in Dänemark ist die verfasste Welt aus den Fugen. Sie gerät, wohin man sieht, in den freien Fall.“ [S.424] Ich entnehme meinem Büchergestell Dürrenmatts Prosaband aus den Fünfziger Jahren und lese den letzten Satz der Geschichte „Der Tunnel“: „Nichts! Gott liess uns fallen und so stürzen wir denn auf ihn zu.“ Dürrenmatts Erzählung beginnt übrigens wie folgt: „Ein Vierundzwanzigjähriger, fett, damit das Schreckliche hinter den Kulissen, welches er sah, … nicht allzu nahe an ihn herankomme, der es liebte, die Löcher in seinem Fleisch, da doch gerade durch sie das Ungeheuerliche hereinströmen konnte, zu verstopfen, derart, dass er Zigarren rauchte … und über seiner Brille eine zweite trug, eine Sonnenbrille, und in den Ohren Wattebüschel …“ Zu jener Zeit gab es eben noch keine Smartphones mit Ohrenstöpseln!
Der Pfarrerssohn Dürrenmatt ist immer wieder als Nihilist bezeichnet worden. Aber anders als bei Sloterdijk stürzen wir hier nicht unaufhaltsam ins Bodenlose, sondern auf Gott zu.
In den Sechzigerjahren begegnete ich zum ersten Mal Becketts „Warten auf Godot“ und erlebte später die grossartige Inszenierung im Tramdepot Tiefenbrunnen. Die Dialektfassung schrieb Urs Widmer, und Ruedi Walter spielte darin eine seiner Glanzrollen. Verstanden habe ich seinerzeit das Stück doch nicht: zu absurd erschien mir dieses Theater. Nun lese ich bei Sloterdijk die folgende Stelle [S.438-439]:
„Pozzo: Sie gebären rittlings über dem Grabe, das Licht leuchtet auf für einen Augenblick. Dann ist es wieder Nacht …
Vladimir: Rittlings über den Gräbern, eine schwierige Geburt. Tief unten in der Grube legt träumerisch der Totengräber die Zangen an … [soweit Beckett – und nun Sloterdijk:]
Indem er Geburt und Begräbnis kurzschliesst, gelingt Beckett eine Vision der vergeblichsten Bewegung: Sie verbindet das pränatale Nichts fast ohne Übergang mit dem postmortalen Dunkel. Man kommt nicht umhin, in diesem Bild eine der starken Selbstaussagen des von Krieg und Staatsterror geprägten Zeitalters zu erkennen, in dem die Verschwendung von Leben und Lebenszeit chronisch geworden war – nicht zuletzt bei jenen Millionen Jugendlichen an allen Fronten, die von greisen Generälen aus sicheren Hauptquartieren in den Tod geschickt wurden.“
Wie harmlos dagegen und doch erschreckend ähnlich meine Beobachtung an der Fussball-WM in Brasilien [siehe den Text „Tor oder nicht Goal“ vom Juli 2014]: Der Grossvater (Scolari) führt und befielt, die Enkel (Neymar) gehorchen!
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PS: Weshalb dieser Titel? Der Ausspruch der Madame de Pompadour ist so etwas wie ein Leitmotiv in Sloterdijks Buch. Selten ist ein so altes Bonmot so aktuell geworden!

Tor oder nicht Goal

In den späten Vierziger Jahren hatten unsere Väter zwei Fussballgoals aus schweren Holzlatten gebaut, und wir Knaben rannten einem ledernen Ball hinterher und trafen das eine oder andere Mal tatsächlich: Goal – Goal – Goal! Allerdings nicht immer; der Ball flog oft ins Behind oder wurde abgelenkt: Corner. Wir sagten Gorner und hatten keine Ahnung, dass das der englische Begriff für Ecke war. Links und rechts vom Spielfeld war das Out. Wir foulten, machten Hands, versenkten einen Penalty und versuchten, das Offside zu verstehen, was, soweit ich mich erinnere, kläglich misslang.
Heute, wo das Englische – bzw. das Amerikanische – derart unsere Gesellschaft dominiert, vor allem in der Wirtschaft: Call Center, Logistic Center, Happy Hair, Swissness, Beauty shop, and so on – heute hört man die Sportreporter von Eckball reden. Sie schreien: Strafstoss! Handspiel! Aus – der Ball ist im Aus! Abschlag nicht Ecke, recht so, der Schiri sieht alles! Nur gerade das Offside, das Foul, dribbling und tackling haben überlebt.
Während also das Leben in unserer Gesellschaft immer deutlichere amerikanische Spuren in der deutschen Sprache hinterlässt, geht es im Fussball in die andere Richtung. Weil die Deutschen erfolgreicher sind als die Engländer? Gilt auch hier, dass die Sprache sich den Mächtigen beugt?
Am Rande beobachte ich, dass einer der grossen Schweizer Trainer, der im Fernsehen einige Spiele kommentierte, in Leserbriefen scharf kritisiert wurde: „Der kann ja kaum einen vollständigen Satz von sich geben!“
Ja, der Fussball und die Sprache! Was sagte doch der Coach einer erfolglosen Mannschaft am Ende eines Interviews? „Ich habe fertig!“
Noch etwas fällt mir an der WM 2014 in Brasilien auf. Viele durchaus sehr erfolgreiche Trainer oder Coaches stammen aus den Vierziger Jahren, so etwa Ottmar Hitzfeld oder Luiz Felipe Scolari – die beiden haben sogar den gleichen Jahrgang wie ich. Ihre Spieler könnten ihre Enkel sein. Der Grossvater führt und befielt, die Enkel gehorchen! Einverstanden, der wohl erfolgreichste Stratege dürfte Löw sein, und der gehört erst der Vätergeneration an.
Dass der Fussball völkerverbindend wirke, diese Behauptung wird in Brasilien fast Spiel für Spiel demontiert. Aber das Verhältnis der Generationen zu einander bleibt vorerst intakt – jedenfalls an dieser WM in Brasilien.
Genug der Worte: Ich freue mich auf den Final! Ob da die Torkamera wieder einmal zum Einsatz kommt? Ganz sicher die Schaumspritze. Wie heisst die eigentlich auf Englisch?

Miteigentümerversammlung – die achte

In den Unterlagen für die Versammlung vom 26. Juni 2014 und im Revisorenbericht war oft von STWE die Schreibe, was der Verwalter, Herr Düby, damit entschuldigte, dass er halt meist Stockwerkeigentümer und nicht „Hüslibesitzer“ verwalte.

Wenn beim nächsten Mal die allgemeinen Leitungen durchgespült werden, würden die Hausbesitzer einen Avis erhalten, der es ihnen dann ermöglicht, die hauseigenen Anschlüsse ebenfalls spülen zu lassen.

Viel zu besprechen gab einmal mehr und zu Recht die gleichzeitige Nutzung von Parkplatz und Spielplatz. Der Appell richtet sich an alle Eltern, ihren Kindern Vorsicht einzuschärfen. Spiele, die durchaus auf dem Spielplatz auf dem alten Bahndamm oder in einem Garten stattfinden können, sollten doch bitte dorthin verlegt werden. Auch gilt: Kinder dürfen nicht allein in der Tiefgarage spielen.

Eine weitere Geschwindigkeitskontrolle der Polizei ergab, dass etwa 10% aller Autofahrerinnen und –fahrer zu flott an der Siedlung vorbei fahren. Nur 10%? Die Einbieger von der Bubikonerstrasse, die beim Radar halt erst etwa auf 25 kmh kämen, würden eben auch erfasst, wusste Stefan zu berichten.

Sorgen bereiten die „Rinnengitter“ (heisst das so? – wohl kaum): Fährt man darüber, lärmen sie laut auf, will man sie reinigen und wieder einsetzen, wehren sie sich … Sorgen bereiten nach wie vor Lampen, die defekt oder anders herum montiert sind … Sträucher gehören geschnitten … die beiden Siedlungsabwarte arbeiten den einen zu viel, den andern zu wenig – hier sei ihnen jedenfalls ganz herzlich für ihren Einsatz gedankt!

Im Übrigen wird die Rechnung genehmigt, es wird rundum Decharge erteilt, der Ausschuss und die Revisoren sind wieder gewählt – und am 25. Juni 2015 trifft man sich wieder in der Sonne. Heimwärts geht’s zur WM in Brasilien.

Mann, eine Treppe herabsteigend

Langsam und steif steige ich die Treppe vom Clublokal zum Ausgang hinunter. Man bewegt sich im Alter nicht mehr so gelenkig, biegsam, elegant und schnell wie in der Jugend – ist klar. Deshalb sieht man einem Menschen ja von weitem an, ob er alt oder jung ist, auch wenn man ihn nicht im Detail wahrnimmt. Man sieht, wie er sich bewegt.

Bewegung ist Leben; Leben ist Bewegung. Wie, so fragten sich kurz nach 1900 viele Künstler, wie stelle ich in meinen Bildern Bewegung dar? Die ersten Serienfotos wurden veröffentlicht. Ein Pferd, das an vielen Kameras vorbei galoppierte, dabei einen Faden nach dem andern zerriss, welche die Kameras auslösten – und man sah ein Daumenkino, wenn man die Fotos rasch durchblätterte.

Also malte Marcel Duchamp 1912 das Bild „Akt, eine Treppe herabsteigend Nr. 2“, das weltberühmt werden sollte.

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Bald danach gab er allerdings die Malerei auf. Ein Besuch einer Luftfahrtausstellung hatte ihn sehr beeindruckt: Duchamp bemerkte angesichts der technischen Innovationen zu Brâncuşi, einem berühmten Plastiker: „Die Malerei ist am Ende. Wer kann etwas Besseres machen als diese Propeller? Du etwa?“

Zwischen 1928 und 1933 beschäftigte er sich hauptsächlich mit Schach. Am Schachspiel faszinierte ihn auch der visuelle Aspekt, der durch die Bewegungen der Schachfiguren auf dem Brett entsteht. Mit John Cage spielte er eine Schachpartie, bei der durch Sensoren im Schachbrett Tonfolgen ausgelöst wurden. In René Clairs Kurzfilm aus dem Jahr 1924, Entr’acte, spielte Duchamp mit Man Ray Schach auf dem Dach des Théâtre des Champs-Élysées, während Francis Picabia, auch ein berühmter Maler, sie mit Wasser bespritzte. Er nahm zusammen mit der französischen Nationalmannschaft, deren Mitglied er 1930 wurde, an fünf Schacholympiaden teil. Seine Partie gegen Jerzy Kleczynski an der Olympiade 1924 eröffnete er mit Schwarz wie folgt – und gewann:

1. e4 Sf6
2. e5 Sd5
3. c4 Sb6
4. d4  d6
… [Die Partie ist in der Database von Chessbase veröffentlicht. Dort finden sich insgesamt dreizehn Partien Duchamps.]

Ich hingegen habe soeben mit Weiss meine Partie verloren:

1. d4     Sf6
2. c4       g6
3. Sc3   Lg7
4. e4      d6
… [Nachspielen lohnt nicht!]

An meinem steifen Schritt die Treppe hinab ist also wohl nicht bloss das Alter schuld!
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Marcel Duchamp (* 28. Juli 1887 in Blainville-Crevon; + 2. Oktober 1968 in Neilly-sur-Seine), eigentlich Henri-Robert-Marcel Duchamp, war ein französisch-US-amerikanischer Maler und Objektkünstler. Er ist Mitbegründer der Konzeptkunst und zählt zu den Wegbegleitern des Dadaismus und Surrealismus. Nach ihm ist der Prix Marcel Duchamp benannt. Er nahm an den Schacholympiaden 1924 in Paris, 1928 in Den Haag, 1930 in Hamburg, 1931 in Prag und 1933 in Folkestone teil. [Quelle: WikipediA]

1914 – 2014

 

Die Zeitungen und Fernsehkanäle füllen sich mit Beiträgen zum Ersten Weltkrieg, zum Grossen Krieg. Georg Kreis hat ein Buch dazu veröffentlicht: „Insel der unsicheren Geborgenheit. Die Schweiz in den Kriegsjahren 1914 – 1918“ (Verlag Neue Zürcher Zeitung. Zürich. 2014). Es ist voller Fotografien. Viele erinnern mich an Bilder, die ich als Knabe bei meinen Grosseltern gesehen habe: der Grossvater als Fourier mit Pistole. War er im Aufgebot gegen den Landesstreik? Im November 1918 war meine Grossmutter mit meinem Vater schwanger. Hatte sie Angst um den Grossvater? Keine Erzählung der Grosseltern aus dem Ersten, wohl aber unzählige meiner Eltern aus dem Zweiten Weltkrieg sind mir geblieben. Dennoch wussten wir schon als Knaben: Das war ein fürchterliches Gemetzel! Wie sind wohl die Menschen damals mit all diesem Leid umgegangen? Wie lasen sie, und wie lesen wir heute, „in sicherer Geborgenheit“, das Galgenlied von Christian Morgenstern?

Das Knie

Ein Knie geht einsam durch die Welt.
Es ist ein Knie, sonst nichts!
Es ist kein Baum! Es ist kein Zelt!
Es ist ein Knie, sonst nichts.

Im Kriege ward einmal ein Mann
erschossen um und um.
Das Knie allein blieb unverletzt –
als wärs ein Heiligtum.

Seitdem geht’s einsam durch die Welt.
Es ist ein Knie, sonst nichts.
Es ist kein Baum, es ist kein Zelt.
Es ist ein Knie, sonst nichts.

Morgensterns einsames Knie geht nun allerdings bereits seit 1905 durch die Welt, ist also keine Folge des Grossen Krieges. Aber irgendwo wird eben immer auf Menschen geschossen – sichere Geborgenheit in sicherer Zeit scheint auch heute eine blosse Hoffnung zu sein.

Und doch: die Schweiz der Nachkriegszeit ist eine Insel der Geborgenheit. So freute sich denn mein Freund wie folgt auf eine Einladung: „Wir beide kommen mit drei alten und einem neuen Knie stramm zum Stamm.“