Hört den Rat einer schlichten Frau

Fragte mein Freund: „Where the hell is Dürnten?“ Na, er lebt in Urdorf, und zwischen Urdorf und Dürnten liegt halt eine Weltstadt, Zürich, Limmat-Athen – man muss Verständnis haben. Mich erinnerte die Frage aber an eine sehr viel ältere: „Wo, ums Himmels Willen, liegt dieses Athen?“ Atossa, die persische Herrscherin, Mutter des besiegten Xerxes, fragt so in Aischylos Tragödie „Die Perser“. Der siegreiche Grieche Aischylos schreibt eine Tragödie aus der Sicht der Besiegten und zeigt sehr viel Verständnis für sie, respektiert sie; ein sehr frühes Zeichen der Toleranz (472 v. Chr.).

Where the hell is Dürnten? Ziemlich nahe von Eschenbach. Wolfram von Eschenbach – ich weiss, das ist ein ganz anderes Eschenbach als das unsere – schreibt zu Beginn des dreizehnten Jahrhunderts in seinem Epos „Willehalm“ eine eigentliche Toleranzrede. Gyburc hält sie, die arabische Königstochter, christlich getauft, in einen abendländischen König verliebt, von ihm entführt, weshalb es in der Provence zum Krieg zwischen Arabern und europäischen Rittern kommt. Eine mörderische Schlächterei. Da legt Wolfram dieser Königstochter die folgenden Verse in den Mund:

Hört den Rat einer schlichten Frau:
verschont Geschöpf aus Gottes Hand!
Ein Heide war der erste Mensch,
den Gott erschaffen hat. Elias
und der Enoch, glaubt es mir,
sie sind zwar Heiden, doch erlöst.
Auch Noah zählte zu den Heiden:
er überlebte in der Arche.

Zitiert nach: Dieter Kühn: „Der Parzival des Wolfram von Eschenbach“. Insel Verlag, 1986

Ende November ist wieder eine eidgenössische Volksabstimmung.

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