Ein sonniger Sommersonntagnachmittag

Am Sonntag spazierten wir wieder einmal in Zürichs Frauenstrassenquartier. Es gibt da nämlich eine Agnes-, eine Berta-, Elsa-, Erna-, Gertrud-, Hilda-, Ida-, und Martastrasse. Und einen Idaplatz. Das ist einer der schönsten der ganzen Stadt: Ruhig, mit gemütlichen Beizchen gesäumt und voller alter, schöner Bäume. Der Platz ist nicht zu gross und nicht zu klein, gerade richtig, um bei einem Glas Bier oder einem wirklich kalten Eiskaffee den Kindern und Erwachsenen, den Velofahrern und Sonntagsspaziergängern zuzusehen und ein bisschen mitzuhören, worüber die Menschen so tratschen und plaudern. Ein friedlicher, sonniger, angenehm warmer, nicht zu heisser Sonntagnachmittag.
Andernorts in Stadt und Kanton Zürich ging es weniger gemütlich zu: Da schwammen, radelten und rannten eisenharte Frauen und Männer und kämpften gnadenlos um jede Sekunde – wehe der alten Frau, die da im Wege stand. Die Siegerportraits fanden sich anderntags gross auf der Sportseite, die Meldung vom schweren Unfall der über achtzig jährigen Frau ganz klein bei den vermischten Meldungen.
Vor vielen Jahren hatte sich an der Bertastrasse der Bruder meines welschen Freundes erschossen. Der Freund spricht zwar deutsch, aber er war doch froh, dass ich ihn zur Polizei und auf die zürcherischen Ämter begleitete. Damals wirkte das Quartier um den Idaplatz eher etwas herunter gekommen. Jetzt leuchten die renovierten Hausfassaden im Sonnenlicht, die Balkone sind geschmückt, und die Menschen auf der Strasse wirken froh und zufrieden. – Aber man sieht an einem sonnigen Sommersonntag bloss die Fassaden.

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