Von Heuschrecken, Hasen und Wölfen in Dürnten, im Wallis und im Märchen

Im hohen Gras hinter dem Haus fangen die Kinder Heuschrecken. Auch die jungen Katzen jagen sie und fressen sie – zum Entsetzen der Kinder. Eines der hübschen Häschen unserer Nachbarn ist gestorben und erhält für einige Tage ein Grab – niemandem käme es heute noch in den Sinn, Hasen oder Kaninchen, die man ein Jahr lang in einem engen Käfig aufgezogen und gefüttert hat, an Weihnachten beispielsweise zu verzehren. Im Wallis wird der Wolf geschossen, was Viele, vor allem Städter, scharf verurteilen und andere, vor allem Bauern und Jäger, begrüssen: Grosswild habe in der dicht besiedelten Schweiz nichts mehr zu suchen. Die Alpen gehören uns Menschen und nicht Wolf und Bär – also lässt man die Schafe unbewacht weiden. Nur noch im Zoo freuen wir uns am Grosswild: Da wird Knuth, der Eisbär, fast ein Medienstar. Vor Jahren, so berichtet Umberto Eco, seien Kinder im Central Park in New York ins Becken der Eisbären gesprungen, im Wasser herum geschwommen, bis es den Bären zu stören begann – er zerfleischte zwei Schwimmer*. Unsere Nutztiere werden möglichst artgerecht gehalten, aber das meiste Hornvieh wird enthornt. Das Rindvieh ist ja so harmlos, die kleinen Kälbchen sind so herzig, bis sich plötzlich Mutterkühe für ihr Kalb wehren und Stiere Wanderer angreifen. Einer meiner frühen Kollegen musste so unlängst sein Leben lassen.

Wir heutigen haben ein seltsam gespaltenes Verhältnis zu den Tieren; manchmal denke ich, zur Natur überhaupt. Und so ist denn vielleicht das Märchen vom Rotkäppchen und dem bösen Wolf aktueller denn je. Es erzählt präzise von solch gespaltener Beziehung: Der böse Wolf biedert sich mit dem kleinen Mädchen an, das er ja bereits hier ohne weiteres hätte fressen können; er macht sich lieber an die Grossmutter und frisst diese und später auch Rotkäppchen auf, was aber auf die Länge folgenlos bleibt, während die Steine im Bauch des Wolfs diesen töten – eine seltsame Geschichte; der gute Ausgang ist den Gebrüdern Grimm zu verdanken in ihrer ersten Fassung des Märchens von 1812. Ich weiss allerdings immer noch nicht, wie ich meiner Enkelin aus dem Bilderbuch den Satz: „Der Wolf verabschiedet sich, eilt zur Großmutter und frisst sie auf“ schonend erzählen soll. Und gerade hier liegt ja das Problem: Muss ich es ihr denn schonend erzählen? Oder wäre die – märchenhaft verfremdete (der Wolf kann ja sprechen!) – direkte, eben schonungslose Erzählung nicht die bessere, die wahre Geschichte?

*Umberto Eco: Wie man über Tiere spricht. In Sämtliche Glossen und Parodien. Carl Hanser Verlag. 2001.
Die Glosse ist absolut lesenswert, wie fast alle übrigen auch!

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