Keine Erst August Rede

„Wir Schweizer“ – „Schweizer wählen SVP“ (?!) – feiern wieder den Geburtstag unseres Landes in Erinnerung an den sagenhaften Schwur der drei Eidgenossen anfangs August 1291 auf dem Rütli. Aus diesem Anlass schenkt uns unser Hausmetzger eine Cervelat. (Wie steht es eigentlich nachgerade mit den Häuten um Schweizer Würste? Man hört und liest so gar nichts mehr darüber.) In einer Sonntagszeitung macht Thomas Maissen darauf aufmerksam, dass die Geschichte damals wohl nicht ganz so abgelaufen sei, und der Heimatspiegel des Zürcher Oberländers berichtet über Hans von Hinwil, aus dessen Familie in der Schlacht bei Näfels einige gefallen sind – nicht auf Seiten der Eidgenossen! Wenn wir Zürcher Oberländer also feiern, so tun wir dies als ehemalige Ausländer. Die Cervelat schmeckt natürlich trotzdem.
Zu einer Feier gehört ja nebst dem freudvollen Lärm, den Raketen und Sonnenrädern (indianischen Ursprungs!) auch die Besinnlichkeit, das Nachdenken und vielleicht angesichts des Zustandes der Welt die Dankbarkeit darüber, das Glück gehabt zu haben, in dieser Zeit, in diesem Land geboren worden zu sein. Beim Nachdenken mögen drei Bücher wertvolle Hilfe und vergnügliche Inspiration schenken:
Thomas Maissen: Geschichte der Schweiz. Hier + Jetzt – Verlag Baden. Dritte Auflage 2010.
Roger Sablonier: Gründungszeit ohne Eidgenossen. Politik und Gesellschaft in der Innerschweiz um 1300. Hier + Jetzt – Verlag Baden. 2008
Georg Kreis: Schweizer Erinnerungsorte. Aus dem Speicher der Swissness. Verlag Neue Zürcher Zeitung. 2010
Auf Sabloniers Buch habe ich in den Lesetipps schon aufmerksam gemacht. Interessant und süffig sind Georg Kreis’ Erinnerungsorte. Es sind 26 kurze Essays über „Schweizerisches“ wie das Heidi, die Toblerone, das Bankgeheimnis, das Rütli, den Wilhelm Tell, die Rösti, das Soldatenmesser, usw. Immer enthalten sie viel Wissenswertes und nicht allgemein Bekanntes.
Aus dem Text über das Rütli: „Das doch recht grosse, insgesamt 62 230 Quadratmeter umfassende Rütli … hat seinerseits wiederum ein Zentrum: Die Stelle, wo die drei Eidgenossen geschworen haben und wo im Moment des Schwurs drei Quellen aus dem Boden getreten sein sollen. Diese Quellen wurden mehrfach umgestaltet und sind heute kaum mehr bekannt und darum entsprechend wenig beachtet. Es tut fast weh, zu sehen, wie an belebten Tagen Hunderte von Besuchern achtlos, weil uninformiert an dem Ort im Ort vorbeiströmen.“ Das Rütli kennt zwei moderne Geburtsmomente: „erstens der Moment, da das Drama von Friedrich Schiller, Wilhelm Tell, wichtig wird, und zweitens der Moment, da das Rütli in Besitz des Schweizer Volkes übergeht.“ Zudem: „Als sich die Schweiz im Sommer 1940 nach Frankreichs Kapitulation für einen Moment in einer grossen Orientierungskrise befand, versammelte General Henri Guisan sein Offizierskader zum sogenannten Rütlirapport.“
Und so ganz nebenbei: Wie wäre es, wieder einmal die Nase in Schillers Tell zu stecken?
En Guete bim Cervelat-Brötle!!

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