Der Duft der Weissdornblüte

 „Singt’s schon im Schlehdornhag, singt’s was es singen mag, ´s ist Maientag.“ Nein, dieses Lied war es nicht, das mich bewog, den Gärtner zu bitten, mir zwei Weissdorngebüsche in den Hang zum Berenbach zu pflanzen. Vielmehr war es meine Begeisterung für Marcel Proust. In seinem Werk „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ finden sich viele sehr schöne Stellen, in denen der Weissdorn seinen Auftritt hat:

„Sie machten ein paar Schritte durch den Park, der in zartem Sonnenschein dalag. Plötzlich fasste Monsieur Swann meinen Grossvater beim Arm und rief: ‚Ach! Alter Freund, was für ein Glück, dass wir hier bei diesem schönen Wetter zusammen spazieren gehen können! Ist das nicht wunderhübsch, diese Bäume, dieser Weissdorn und mein Teich, zu dem Sie mir noch nicht einmal gratuliert haben!’“

„Als ich beim Verlassen der Kirche vor dem Altar die Knie beugte, spürte ich plötzlich, als ich mich wieder erhob, von den Weissdornzweigen her einen bittersüssen Mandelduft und erkannte gleichzeitig auf den Blüten kleine gelbliche Stellen, unter denen ich mir jenen Duft verborgen dachte wie unter den gebräunten Teilen den eines Mandelbackwerks oder unter den Sommersprossen den der Wangen von Mademoiselle Vinteuil. Trotz der schweigenden Unbeweglichkeit des Weissdorns war dies aussetzende und wiederkehrende starke Duften wie das Weben intensiven Lebens, von dem der Altar zu beben schien wie eine ländliche Hecke unter lebendig tastenden Fühlfäden, an die man ohnehin beim Anblick mancher Staubgefässe dachte, die das frühlingshafte Überschäumen, die aufreizende Daseinsbehauptung von Insekten zu haben schienen, deren Verwandlung in Blumen erst soeben vollzogen war.“

„Für mich erhob sich summend darüber der Duft der Weissdornhecken. Diese Hecken bildeten in meinen Augen eine unaufhörliche Folge von Kapellen, die unter dem Schmuck der wie auf Altären dargebotenen Blüten verschwanden; unter ihnen zeichnete die Sonne auf den Boden ein lichtes Gitterwerk, so als fiele ihr Schein durch ein Kirchenfenster; ihr Duft strömte sich so voll und überquellend aus, wie ich ihn vor dem Altar der Muttergottes stehend verspürt hatte, und die ebenso geschmückten Blüten trugen eine jede mit gleicher gedankenlosen Miene ihr schimmerndes Strahlenbündel aus Staubgefässen, feine glitzernde Rippen in spätgotischem Stil wie die, die in der Kirche das Gitter der Empore durchzogen oder die Kreuze der Buntglasfenster, die aber hier die weisse sinnliche Fülle von Erdbeerblüten hatten.“

Solche Weissdornbüsche erträumte ich mir also. Doch der Gärtner pflanzte Schwarzdorn. Man dürfe heutzutage keinen Weissdorn pflanzen, weil der sehr anfällig auf Feuerbrand sei!

Es gibt nur noch einen Trost: Der Neuntöter spiesst seine Insekten auf Weiss- wie auf Schwarzdorn auf. Aber ob ich je einmal einen dieser selten gewordenen Vögel an meinem Schwarzdorn sehen werde?

Der Schwarzdorn heisst übrigens auch Schlehdorn … ´s ist Maientag – na ja!

 

Die Zitate stammen aus: Marcel Proust. Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. In Swanns Welt I. Übersetzt von Eva Rechel-Mertens

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