Als es noch Telefonbücher gab

Urs Widmer schreibt in seiner Erzählung „Alois“: „Auf meinem Bücherregal stehen der Gute Kamerad, Schloss Rodriganda, Was fliegt denn da, Grosse Schweizerschlachten, der Steuermann Ready, das Telefonbuch von Appenzell-Innerrhoden.“

Heute gibt es zwar noch Telefonbücher, aber niemand braucht sie mehr. Man wählt einfach 1818 und die Werbefigur beisst glücklich in ein Rüebli oder lässt einen Kinderballon platzen oder wird an einem Skiliftbügel auf dem Rücken im Schnee liegend hoch geschleppt. Skiliftbügel gibt es zwar auch nicht mehr.

In Frankreich allerdings leistete uns ein Telefon- oder Adressbuch grosse Hilfe: Wir fuhren in Moulins ein, der „capitale du pays Bourbon“, suchten erfolglos unser Hotel, parkierten vor einer modernen Postfiliale, und ich fragte einen Postbeamten nach dem Weg zum Hotel „Le clos de Bourgogne“. „Comment je vais vous expliquer?“ sinnierte der und riss kurzerhand den Stadtplan aus seinem Adress- oder eben Telefonbuch heraus, umkreiste Postfiliale und Hotel, zeigte uns den Weg und gab uns das Plänchen mit. „Oh, là, vous allez vous réjouir d’une cuisine vraiment excellente!“, fügte er bei.

Telefonbücher und Skiliftbügel haben ausgedient. Und wissen Sie, was es auch nicht mehr gibt oder jedenfalls nur noch ausnahmsweise und nur noch im (Hochleistungs-)Sport? Schmutzige Schuhe! Auf unserer Reise in die Auvergne, in der Stadt, im Dorf, in Kindergärten und Schulen, in Warenhäusern oder Kirchen: Siehst du da Leute in schmutzigen Schuhen? In Schuhen, die stehen vor Dreck? Samstag für Samstag mussten wir Kinder die Schuhe der ganzen Familie reinigen: Dreck abkratzen, bürsten, einwichsen (nicht zu viel Wichse verschwenden!), glänzen. Dann wieder die Treppe reinigen. Und dennoch: Wie ich als Dreizehnjähriger in die Stadt zur Schule kam, war ich der einzige, dessen Schuhe nicht glänzten. Ich weinte vor Zorn und Scham. Wortlos reinigte mir anderntags der Grossvater die Schuhe, wichste ohne mit Fett zu sparen und glänzte und siehe da: so schöne Schuhe hatten nicht einmal die Knaben vom Zürichberg!

Nun träume ich so vor mich hin: Was es alles nicht mehr gibt aus meiner Kinderwelt: Neger gibt es nicht mehr, Mohrenköpfe, Föifermöcke, Füfzähner- und Drissgerguetzli und den Dogobert Duck, der trotz der Panzerknackerbande im Gold badet. Das heisst: es gibt das alles natürlich schon noch, nur heisst es jetzt anders und ist viel teurer und im Fall von Dagobert Duck und Daniel Düsentrieb auch viel gefährlicher.

Wer ein GPS hat, braucht wohl auch keinen liebenswürdigen Postbeamten in der Capitale du pays Bourbon mehr.

PS: ‚Was fliegt denn da‘ steht auch in meinem Büchergestell – nicht alles ist verschwunden. Nur: Den Kuckuck habe ich dieses Jahr hier bei uns noch nie gehört; was hilft es da, Geld in der Tasche zu haben!

 

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