Flussschifffahrt auf der Seine

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Ich bin mir nicht ganz sicher; aber: sehen wir da im Hintergrund nicht den Pont Mirabeau? [Ein Klick auf das Bildchen vergrössert es.]

Sous le pont Mirabeau coule la Seine
Et nos amours
Faut-il qu’il m’en souvienne
La joie venait toujours après la peine
Vienne la nuit sonne l’heure
Les jours s’en vont je demeure
Guillaume Apollinaire

Vom Quai André Citroën legte unser Schiff ab, Seine abwärts Richtung Normandie. Ein erster „Landausflug“ galt dem Blumengarten des Seerosenmalers Claude Monet, den wir an einem Sonntag bei starkem Regen und inmitten einer gewaltigen Menschenmenge besuchten.
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Andere Exkursionen galten dem Apfel, nämlich dem Cidre und dem Calvados.

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In der Normandie begleitete uns ein Führer, der in gewandtem, manchmal erfindungsreichen Deutsch liebevoll seine Heimat schilderte – er stammt aus Rouen – und seine Sprache, den normannischen Dialekt, erklärte. Er sprach von der Heiligen Dreifaltigkeit der Normandie, dem Camembert, dem Pont l’Evêque und dem Livarot. Käse aus pasteurisierter Milch nannte er « de la merde » und übersetzte gleich selbst: „Das ist Scheisse!“

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Selbstverständlich erzählte er ausführlich von den Beziehungen zwischen der Normandie und England, vom Hundertjährigen Krieg, von Jeanne d’Arc und von Richard Coeur de Lion, „dem Muttersöhnchen“, wie er sagte, welcher Château Gaillard bei Les Andelys hatte erbauen lassen.

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Die Ruine macht noch heute spürbar, welch mächtiger Bau das gewesen sein musste.

Und dann waren wir am Meer! « Nous disons la Manche », sagte Schlapphut, was ja durchaus auch für uns gilt. Am Ärmelkanal sind seinerzeit die ersten mondänen Badeferienorte entstanden. Die einstigen Fischerdörfer Trouville und Honfleur liessen mich an Cabourg denken, wo Marcel Proust jeweils seine Ferien verbracht hatte, und das in seinem Werk « A la recherche du temps perdu » den Namen Balbec trägt.
Marcel Proust in „Im Schatten junger Mädchenblüte“: „Doch dann, am folgenden Morgen, welch eine Freude – nachdem einer der Hotelbediensteten mich geweckt und mir heisses Wasser gebracht hatte, während ich meine Toilette machte und vergebens die Sachen, die ich brauchte, in einem Koffer suchte, aus denen ich nur in völligem Durcheinander lauter Dinge zog, die mir zu nichts nützten, und ich schon an das Vergnügen des Mittagessens und der Promenade dachte -, im Fenster und auf den Scheiben vor den Wandregalen wie durch die Bullaugen einer Schiffskajüte das Meer frei daliegen zu sehen, heiter und doch verschattet auf einer Hälfte seiner Weite, die von einer schmalen, beweglichen Linie abgeschlossen wurde, und mit den Augen den Wellen zu folgen, die eine nach der anderen wie Artisten von einem Sprungbrett schnellten! Unaufhörlich kehrte ich mit meinem steifgestärkten Handtuch, auf dem der Hotelname stand und mit dem ich mich vergebens abzutrocknen versuchte, an das Fenster zurück, um noch einmal einen Blick auf die gleissende, bergig schwellende weite Arena und die schneeigen Gipfel der stellenweise in durchscheinender Glätte leuchtenden Wogen aus Smaragd zu werfen, die mit gelassener Wucht und löwenhaft gefurchter Stirn das Niederbrechen und Niederströmen ihrer Hänge spielen liessen, auf die das Sonnenlicht sein gesichtsloses Lächeln setzte.“

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Das sind die berühmten Alabasterfelsen von Etretat. Hier lebte ein anderer, vielleicht noch bekannterer Schriftsteller, nämlich Maurice Leblanc, der mit seinem Gentleman-Meisterdieb Arsène Lupin einen modernen Robin Hood geschaffen hat.

In Rouen schliesslich begegnete uns ein anderer Künstler, den ich auf dieser Homepage schon einmal erwähnt habe, nämlich Marcel Duchamp. « Né à Blainville-Crevon le 28 juillet 1887, ce fils de notaire est resté d’une extrême retenue après son passage sur terre. « Ingénieur du temps perdu », il revendiquait le droit à la paresse. Il était aussi « anartiste », superbe néologisme pour qualifier une personnalité hors du commun, « marchand de sel » et « joueur d’échecs » avec son ami photographe Man Ray.
Il disait « Je me suis forcé à me contredire pour éviter de me conformer à mon propre goût ».
Une épitaphe est gravée sur sa tombe au Cimetière Monumental de Rouen : « D’ailleurs, c’est toujours les autres qui meurent. » Ben voyons, serait-on tenté de lui répondre ! »[Quelle : Broschüre des Office de Tourisme in Rouen]
Bei einer im Jahr 2004 durchgeführten Umfrage unter 500 Kunstexperten wurde Duchamps Ready-made Fountain zum „most influential modern art work of all time“ gewählt. Es lag damit vor Pablo Picassos Gemälde Les Demoiselles d’Avignon und Andy Warhols Marilyn Diptych. [WikipediA] und ist ein simples Urinoir. Auf seinen Wunsch hin hat die Stadt Rouen Marcel Duchamp eine Toilette gewidmet – die ich ehrfurchtsvoll benutzt habe:

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Am Schluss unserer Reise erreichten wir wieder Paris, genossen einmal mehr diese grossartige Stadt, feierten auf der Place de l’Odéon in Erinnerung an unsere Verlobung dort vor doch einigen Jahren und spazierten gemütlich durch den Jardin de Luxembourg, worüber ich nun nicht Proust sondern Rilke zu Wort kommen lassen möchte.

DAS KARUSSELL
Jardin du Luxembourg
Mit einem Dach und seinem Schatten dreht
sich eine kleine Weile der Bestand
von bunten Pferden, alle aus dem Land,
das lange zögert, eh es untergeht.
Zwar manche sind an Wagen angespannt,
doch alle haben Mut in ihren Mienen;
ein böser roter Löwe geht mit ihnen
und dann und wann ein weisser Elefant.
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Und dann und wann ein weisser Elefant.

Und das geht hin und eilt sich, dass es endet,
und kreist und dreht sich nur und hat kein Ziel.
Ein Rot, ein Grün, ein Grau vorbeigesendet,
ein kleines kaum begonnenes Profil -,
Und manchesmal ein Lächeln, hergewendet,
ein seliges, das blendet und veschwendet
an dieses atemlose blinde Spiel …

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