Recht und Gerechtigkeit

Im Dezember letzten Jahres habe ich unter dem Titel „Dürnten? – Ach ja, Dürnten!“ darüber berichtet, wie die Gemeinde einem Hilfsarbeiter, der nie eine Steuerklärung eingereicht hatte, Jahr für Jahr mehr Steuern abverlangte, bis er schliesslich ein Einkommen in der Höhe eines Bundesratsgehalts zahlen musste und darob fast pleite ging. – Das ist wirklich eine wahre Geschichte.
Mittlerweile hatte der Regierungsrat des Kantons Zürich der Gemeinde attestiert, sie hätte stets korrekt gehandelt.

Das besänftigte aber den Zorn der Dürntner Bürger nicht.

An der Gemeindeversammlung im Frühsommer dieses Jahres wurde den Bürgern erklärt, man sei bereit, dem zu hoch besteuerten Mitbürger etwa 120’000 Franken zurück zu zahlen, nämlich den Betrag der zu viel bezahlten Gemeindesteuern.

Das fachte aber den Zorn der Dürntner Bürger nur noch mehr an.

Die Versammlung beschloss, dem Geschädigten die ganzen zu viel eingetriebenen 200’000 zu bezahlen und verpflichtete die Gemeinde darüber hinaus, eine allfällig vom Kanton auferlegte Schenkungssteuer zu übernehmen.
Ein Sieg der Gerechtigkeit über das Recht …

Im Jahr 1969 veröffentlichte Friedrich Dürrenmatt seinen „Monstervortrag über Gerechtigkeit und Recht“ im Arche Verlag. Darin schreibt er: „Meine Geschichte handelt von der Nützlichkeit des Rechts, besonders, wenn es von einer gehobenen Gesellschaftsklasse gehandhabt wird …“

Einige Jahre später (1975) heisst es bei Michel Foucault in „Surveiller et punir“: „Il faut concevoir un système pénal comme un appareil pour gérer différentiellement les illégalismes, et non point pour les supprimer tous.“
In diesem Frühsommer 2015 spielt das Schauspielhaus Zürich „Die schmutzigen Hände“ von Jean-Paul Sartre. Während des Stücks werden Ausschnitte eines Interviews mit Jean Ziegler filmisch eingeblendet. Was sagt da Ziegler in seiner bekannt missionarischen Art: „In einer Demokratie sind die Bürger nie machtlos!“

Die gut 300 Dürntner, welche die Gemeindeversammlung besucht haben, illustrieren Jean Ziegler.

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