Leichteres Lesefutter

„Was liest denn du nur so zur Erholung, zum Entspannen? All die Titel, die du auf deiner Homepage erwähnst, verlangen Konzentration und einen wachen Geist. Ich suche spannende Unterhaltung für meinen müden Kopf.“ Dies die Bitte am sonntäglichen Kaffeetisch. Also suche ich mein Gedächtnis und meine Bücherregale ab und schlage nun Altbekanntes und vielleicht auch weniger Bekanntes vor:

Wilhelm Busch

Dieser Vorschlag bedarf wohl keiner Begründung. Schlage ich einmal eine Seite auf, bleibe ich für lange Zeit hängen!

Hier sieht man Bruder Franz und Fritzen
Zu zweit in einer Wanne sitzen.
Die alte Lene geht; – und gleich
Da treibt man lauter dummes Zeug.
Denn Reinlichkeit ist für die zwei
Am Ende doch nur Spielerei.
(Das Bad am Samstagabend; hier halt ohne die herrlichen Zeichnungen Buschs)
Wilhelm Busch. Gesamtwerk in sechs Bänden. Weltbild Verlag. Augsburg 1997

Lukas Hartmann
Die letzte Nacht der alten Zeit

Hartmann erzählt aus der Sicht eines Korporals die Flucht des Berner Schultheissen vor den Napoleonischen Truppen. Eine spannende, in einen Roman verpackte Geschichte aus der alten Schweiz. „In einer kalten Nacht fährt ein Schiff über den Thunersee. Die Menschen an Bord sind auf der Flucht.“ März 1798. Ich habe die 280 locker bedruckten Seiten in einem Zug durchgelesen.
Nagel & Kimche im Carl Hanser Verlag München. 2007

Marguerite Duras
Der Vizekonsul

Exotischer Orient zur Zeit, als das Französische Kolonialreich noch einigermassen Bestand hatte. Ort der Handlung ist Kalkutta, ist die Ebene von Tonlé-Sap. Die Figuren des Romans sind Europäer; sie leben in ihren Villen und Parks, spielen Tennis. Draussen aber ist die Hölle. Zu Marguerite Duras‘ bekanntesten Werken gehörten nebst dem Vizekonsul Der Liebhaber und Hiroshima mon amour.
Suhrkamp Taschenbuch 1984

Alex Capus
Patriarchen

Zehn Protraits wichtiger Schweizer: Rudolf Lindt (Schokolade); Carl Franz Bally (Schuhe); Julius Maggi (Suppenwürfel); Antoine Le Coultre (Uhrmacher); Henri Nestlé (Milchpulver; Nestlé entstammte einer schwäbischen Familie Näschtle); Johann Jacob Leu (Bankier); Fritz Hoffmann-La Roche (vom wirkungslosen Hustensaft zum Pharmakonzern); Charles Brown und Walter Boveri (Nach hundert Jahren Industrialisierung war es auf der Welt noch immer dunkel. … Aber dann schafften es Charles Brown und Walter Boveri …); Walter Gerber (Käse); Emil Bührle (Waffenschmied).
Leicht und flüssig erzählt Capus von diesen Männern, die fast alle Einwanderer waren, manche in erster, viele in dritter oder vierter Generation.
Taschenbuchausgabe 2008. btb Verlag

Alex Capus
Der Fälscher, die Spionin und der Bombenleger

Drei Lebensgeschichten:
Der pazifistische Jüngling Felix Bloch gerät nach Los Alamos, wo er Robert Oppenheimer beim Bau der Atombombe helfen soll;
die rebellische Musikantentochter Laura d’Oriano versucht sich als Sängerin und lässt sich als Spionin rekrutieren;
der Kunststudent Emile Gilliéron folgt Schliemann nach Troja und zeichnet und zeichnet.
Das ist sehr vergnüglich und flüssig zu lesen und informiert doch ernsthaft über über unsere moderne Welt.
Carl Hanser Verlag München. 2013

Wolf Haas
Der Brenner und der liebe Gott

Ein Buch aus Österreich in eigenartigem Deutsch. Aber ein wirklich spannender Krimi.
Hoffmann und Campe. Hamburg. 2009

Martin Walker
Bruno, Chef de police

Davon gibt es mittlerweile eine ganze Reihe, Irrtum vorbehalten acht Kriminalromane, die alle im Périgord spielen, alle mit dem gleichen Personal, und die jene Gegend Frankreichs farbig darstellen und die Küche des Périgord mit sehr schönen Rezepten feiern, denn Bruno ist nicht nur Polizist, Reiter, Liebhaber der Frauen, sondern auch grossartiger Hobbykoch.
Diogenes Verlag Zürich

Deutsche Gedichte

Warum nicht hin und wieder ein Gedicht sich zu Gemüte führen. Es gibt da die wildesten Sachen von Ernst Jandl, die lustigsten von Morgenstern oder die alten, schönen, romantischen wie jenes Abendlied von Josef von Eichendorff:

Es war, als hätt der Himmel
Die Erde still geküsst,
Dass sie im Blütenschimmer
Von ihm nun träumen müsst.

Die Luft ging durch die Felder,
Die Ähren wogten sacht,
Es rauschten leis die Wälder,
So sternklar war die Nacht.

Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus.

Deutsche Gedichte. Eine Antologie. Philpp Reclam jun. Stuttgart. 1984

So: Ich wünsche viel Spass bei der Lektüre!

 

4 comments to Leichteres Lesefutter

  • Christian Jung

    Herrlich! Vielen Dank, lieber Werner

  • Zur obigen Idee, wieder einmal Gedichte zu geniessen möchte ich noch nachtragen:
    Jandl ist in der Antologie vertreten, unter anderen mit folgendem Gedicht:
    vater komm erzähl vom krieg
    vater komm erzähl wiest eingrückt bist
    vater komm erzähl wiest gschossen hast
    vater komm erzähl wiest verwundt wordn bist
    vater komm erzähl wiest gfallen bist
    vater komm erzähl vom krieg

    Morgenstern hingegen fehlt in der Antologie. Deshalb zitiere ich aus
    Christian Morgenstern. Alle Galgenlieder. Insel Verlag Wiesbaden 1947

    Korf erfindet eine Mittagszeitung,
    welche, wenn man sie gelesen hat,
    ist man satt.
    Ganz ohne Zubereitung
    irgendeiner Speise.
    Jeder auch nur etwas Weise
    hält das Blatt.

  • Emil Wettstein

    Zum 65. Geburtstag haben mir meine Töchter ein dickes Paperback geschenkt: «1001 Bücher, die du noch lesen musst.»
    Dein Einladung, Werner, gefällt mir besser, auch wenn der Sommer schon fast vorbei ist. Die Gesamtausgabe von Wilhelm Busch’s Werke habe ich von meinem Vater geerbt – und einige Zeit recht intensiv darin gelesen. Zurzeit lese ich zudem Brunos zweiter Streich von Martin Walker. Neben einem 1000-Seiten-Wälzer zum Jahrhundert der Aufklärung. Allerdings nicht zur sommerlich-leichten Lektüre zu zählen.
    Herzlichen Dank
    Emil

  • heller

    Diese tausend Seiten zur Aufklärung würden mich durchaus interessieren, lieber Emil

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