Siegfried und Pedro

Pedro Lenz las im Singsaal des Schulhauses Nauen in Dürnten. Wie wir zum Schulhaus spatzierten, kam der Schriftsteller uns entgegen. „Grüezi Herr Länz“, grüsste ich. Er vertrete sich noch ein wenig die Beine, bevor es losgehe. Hätte ich „Lenz“ sagen müssen, fragte ich mich, und nicht „Länz“? Dann stand er auf der Bühne, allein, vor einem Mikrofon, ein sehr grosser Mann, ein wahrer Hühne. Und las aus seinen Mundarttexten, auch aus seinem dannzumal noch nicht veröffentlichten neuen Roman „Di schöni Fanny“. Während ich genussvoll sein Berndeutsch in mich hinein und an mir vorbei rauschen liess, fragte ich mich, ob Pedro Lenz irgendwie mit Siegfried Lenz verwandt wäre – natürlich nicht biologisch, aber vielleicht literarisch, auch wenn der eine Hochdeutsch, der andere Berndeutsch schreibt.

Die achtzehnte von Siegfried Lenz Masurischen Geschichten beginnt so:

„Joseph Waldemar Gritzen, ein grosser, schweigsamer Holzfäller, wurde heimgesucht von der Liebe. Und zwar hatte er nicht bloss so ein mageres Pfeilchen im Rücken sitzen, sondern, gleichsam seiner Branche angemessen, eine ausgewachsene Rundaxt. Empfangen hatte er diese Axt in dem Augenblick, als er Katharina Knack, ein ausnehmend gesundes, rosiges Mädchen, beim Spülen der Wäsche zu Gesicht bekam. Sie hatte auf ihren ansehnlichen Knien am Flüsschen gelegen, den Körper gebeugt, ein paar Härchen im roten Gesicht, während ihre beträchtlichen Arme herrlich mit der Wäsche hantierten.“

Pedro Lenz beginnt seine Liebesgeschichte mit dem Titel Ouge wie folgt:

„Denn hani imne Hotel Zmorge gno,
irgendwo im Östriichische.

Si het so grossi Ouge gha,
sehr grossi, wunderschöni Ouge,
zersch hani nume di Ouge gseh,
Ouge, wo eim zwinge härezluege,
Ouge, wo eim mache z tröime,
grossi, dunkli, liebi, töifi Ouge.“

De het si mi fründlech gfrogt,
ob i Tee nähm oder Kafi.
Ha grad nid chönnen antworte
wöu i nume di Ouge aagluegt ha,
numen immer di Ouge gseh ha,
di unwahrschiinlichen Ouge.
Ha öppis gstaggelet und gseit,
es sig mer fasch chli gliich.“

Während in der Liebesgeschichte von Lenz die beiden Masuren sich glücklich finden, – denn Waldemar bietet Katharina eine Lakritze an – stielt sich der Erzähler bei Lenz heimlich aus dem Hotel und

„sithär
ha se nie meh gseh,
hani nie meh
söttigi Ouge gseh
wi denn dörte
i däm Hotel z Öschtriich
i däm chliine Spiissaau.“

Vom Büchertisch im Singsaal Nauen erstand ich mir „Der Gondoliere der Berge“ und stellte zu Hause zunächst ein wenig enttäuscht fest, dass es sich hierbei um hochdeutsche Texte handelt. Rasch aber sah ich, dass die beiden Lenz ihre Mitwelt ganz ähnlich wahrnehmen und zu Literatur verformen. In „So zärtlich war Suleyken“ leben Figuren wie der Holzfäller, leben Bauern, Fischer, kleine Handwerker und Besenbinder, keine berühmten Physiker oer Präsidenten. Bei Pedro Lenz sind es Stapelfahrer, Nachtportiers, Briefträger oder eben die Gondelführer in Luftseilbahnen.

Die beiden Herren Lenz, den leider verstorbenen Siegfried und den noch quicklebendigen Pedro empfehle ich sehr zur Lektüre!

 

Siegfried Lenz: So zärtlich war Suleyken. Masurische Geschichten. Hoffmann und Campe 1955

Pedro Lenz: Der Gondoliere der Berge. Kolumnen aus NZZ Executive. Cosmos Verlag 2016
Pedro Lenz: Liebesgschichte. Cosmos Verlag 2012

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