Italienische, deutsche und französische Grammatik

Einer meiner Freunde wohnt in Zürich und in Mailand, wo er jedes zweite Wochenende von Freitag bis Montag verbringt, wo er viele Bekannte und Freunde hat. Logisch, dass er perfekt Italienisch spricht. Nun ist er pensioniert, greift wieder zu seinem Lieblingsinstrument, probt und spielt in einem Orchester in Zürich, unterhält noch, wie so viele, einige berufliche Projekte – und besucht einen Italienischkurs in der Volkshochschule. Ich schaue ihn verblüfft an, mein ganzer Körper ein einziges Fragezeichen. „Ja, schwatzen kann ich schon, lesen kann ich alles, Dante kann ich geniessen. Aber die Grammatik! – Allerdings merke ich, dass ich für diesen Kurs schon etwas überqualifiziert bin.“

Die Grammatik! Grammatik? Kenne ich mich da noch aus? Ich habe mich ja seit mehreren Jahrzehnten nicht mehr darum gekümmert, weiss nur noch, da gab es einen Glinz und das Adverb scheint es seither nicht mehr zu geben; und Haupt- und Nebensätze? Und stirbt der Genitiv tatsächlich aus?

Fast eher kommen mir aus der Schulzeit noch Begriffe aus der französischen Grammatik in den Sinn: L’accord du participe passé, le conditionnel, la concordance des temps, l’emploi du subjonctif. Le subjonctif ? Le voici :

Ell’ me tendit ses bras, ses lèvres
Comme pour me remercier
Je les pris avec tant de fièvre
Qu’ell’ fut toute déshabillée.

Le jeu dut plaire à l’ingénue
Car à la fontaine souvent
Ell’ s’alla baigner toute nue
En priant Dieu qu’il fît du vent
Qu’il fît du vent.

Georges Brassens. Dans l’eau de la claire fontaine. 1962

Greife ich zum Duden – ist der überhaupt noch verbindlich? Klärt mich die NZZ auf, die ja die neue Rechtschreibung nicht zur Gänze mitmachen soll? Soll ich nun in einen Volkshochschulkurs in deutscher Grammatik eintreten – und wäre ich da wohl auch „überqualifiziert“? Oder kann ich auf grammatisches Wissen schlicht verzichten und mich als deutscher Muttersprachler ganz auf das Sprachgefühl verlassen?

Ein Duden steht nicht mehr in meinen Bücherregalen. Also setze ich mich vor den Computer und lese: Man unterscheide zwischen normativen und deskriptiven Grammatiken. Als Lehrer wandte ich die normative an und strich alles, was grammatisch falsch war, rot an: Ha! Jetzt scheint mir die deskriptive wesentlich sympathischer zu sein: „Es erfolgt in dieser Perspektive dann keine Unterscheidung in ‚gutes Deutsch‘ (das verwendet werden soll) und ‚falsches bzw. schlechtes Deutsch‘ (als etwas, das vermieden werden soll), sondern strittige grammatische Erscheinungen können ggf. bestimmten Sprechstilen, Textsorten oder sozialen Gruppen als typisch zugeordnet werden, aber ansonsten aus neutraler Warte dokumentiert werden.“ [Quelle: WikipediA, woher denn sonst?] Und also beruhigt und ohne Angst vor dem Rotstift „surfe“ ich ein wenig in deutschen Grammatikbegriffen herum:

Über die genaue Anzahl und Einteilung der Wortarten des Deutschen besteht keine vollständige Einigkeit. Ist das nicht hübsch? Da scheint es also durchaus Raum für Interpretation zu geben, und das finde ich spannend. Aber keine Angst, ich werde Sie nicht weiter mit Grammatik belästigen. Lieber mit Brassens:

On n’a plus rien à se cacher
On peut s’aimer comm’ bon nous semble
Et tant mieux si c’est un péché
Nous irons en enfer ensemble !
Il suffit de passer le pont,
Laisse-moi tenir ton jupon.

Georges Brassens. Il suffit de passer le pont. 1953

 

2 comments to Italienische, deutsche und französische Grammatik

  • Emil Wettstein

    Auch schon mal die Grammatik der Programmiersprachen studiert?

  • Werner Heller

    Nicht wirklich.
    Aber ich erinnere mich an meine Arbeiten mit DBase. Da gab’s ein riesiges Print-Manual mit jeder Menge FAQs. Entnervt formulierte deshalb der DBase Co-Erfinder, sie würden demnächst einen neuen Release herausbringen mit nur zwei Programmzeilen:
    1 Open Database
    2 Do what I am thinking
    Und ganz schwach habe ich in Erinnerung die stundenlange verzweifelte Suche nach einem Fehler in ellenlangem Programm-Code.

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