Tabakhändler und Regierungsrätin

Mein Freund Walo Hutmacher (Ütmasché) von der Uni Genf präsentierte einmal Zahlen darüber, wie hoch der Anteil arbeitender Menschen im Sektor «people processing» Ende der achtziger Jahre in den Ländern der OECD sei. Gemeint sind damit Lehrer, Pfarrer, Ärzte, Therapeuten, Pflegepersonal, Sporttrainer, Richter, Gefängnispersonal – falls ich da nicht jemanden vergessen habe; vielleicht die Offiziere? Der Prozentsatz war enorm, weit über 50%! [Leider habe ich sein Referat beim Datentransfer auf einen neuen Computer verloren: Schande über mich!]

In jener Zeit waren die entsprechenden Fachleute, die mich persönlich umgaben, sämtliche männlichen Geschlechts: Mein Arzt, mein Zahnarzt, mein Regierungsrat, mein Chef, mein Tabakhändler. Den Tabakhändler gibt es nicht mehr, weil es erstens fast keine Tabaklädeli mehr gibt, und weil ich seit einigen Jahren meine Pfeifen beiseite gelegt habe. Ist Ihnen in letzter Zeit ein pfeifenrauchender Mann begegnet? Der ältere Herr war mir eine wichtige Figur, bedeutsam für mein Wohlbefinden. Aus dem Tabaklädeli wurde eine Geschenk- und Modeboutique, die sich dank begeisterter, weiblicher Kundschaft im Dorf auszubreiten begann, bis sie Pleite machte, pardon: Konkurs ging.

Ausser dem Tabakhändler haben alle andern ihr Geschlecht gewandelt. Meine Ärztin aus Rumänien ersetzte schon bald meinen Hausarzt. Sie gibt nun nach Jahren ihre Praxis leider auf. Ich habe mich bei ihr sehr gut aufgehoben gefühlt, und einmal hat sie mir wohl das Leben gerettet. Der Zahnarzt ging frühzeitig in Pension und überliess mich seiner Tochter, die meine Zähne seither sehr gut und schmerzfrei pflegt. Oh, beinahe hätte ich meine Augenärztin vergessen. Wenn sie jeweils sehr energisch sagt, nachdem sie Flüssigkeit in meine Augen getropft hat, „Sie dürfen jetzt blinzeln“, meint sie wohl „Sie müssen jetzt blinzeln“. Der Regierungsrat wurde durch eine Regierungsrätin ersetzt, die Legislaturen später wieder von einer Frau abgelöst wurde. Ich sprach sie einmal als «Frau Regierungsrat» an, worauf sie mich anschnauzte: «Rätin, bitte sehr!» Ich insistierte, «Regierungsrat» sei ein Amt mit grammatikalisch sächlichem Geschlecht. «Blödsinn», fuhr sie mich an. Auch der Chef fand eine Nachfolgerin im Amt, deren Namen sich mir noch nicht eingeprägt hat. Ich denke an sie als Frau Amtschefin.

Zurück zu Walo Hutmacher, dem berühmten Soziologen aus Genf. Heutzutage dürften noch wesentlich mehr Menschen im «people processing» ihr Geld verdienen als in den achtziger Jahren. Mehr Lehrer, mehr Ärzte, mehr Coiffeurs, mehr Podologen, Therapeuten, etc. Pardon: das Ganze nochmals: Mehr Lehrerinnen – oder kennen Sie noch Unterstufenlehrer? Mehr Ärztinnen, mehr Stylistinnen, Podologinnen und Therapeutinnen, usw. Nur bei den Chefärzten und den CEOs scheint es ein bisschen anders zu sein. Aber auch dazu könnte Hutmacher viel berichten.

Ich bin übrigens ein bisschen auf den OECD-Wellen gesurft, habe aber über den Prozentsatz von Arbeitenden, die mit „people processing“ beschäftigt sind, nichts gefunden. Dafür Folgendes: „Nach Schätzungen haben in den OECD-Ländern 80% der Menschen mit tertiärem Bildungsabschluss (Hochschulabschluss, Fachhochschulabschluss oder Meisterbrief) eine bezahlte Arbeit, bei den Personen ohne Abschluss im Sekundarbereich II sind es hingegen lediglich 47%.“ Na? Tröstlich oder beängstigend?

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