Realpolitik in Romanen und in der Tagespresse

«Schon lange haben wir keine Presseschau mehr gemacht», schreibt mir mein Freund und weist auf Artikel von Guggenbühl und Gujer hin. Tatsächlich tauschen wir über Email normalerweise wöchentlich unsere Eindrücke aus der Lektüre der Tageszeitungen aus. Nun verabschiedet er sich für einige Wochen in die Ferien nach Bella Italia, aber eigentlich schwingt da in seinem Satz ein leiser Vorwurf mit: «Du hast dich seit einigen Tagen nicht mehr gemeldet!» Ich merke plötzlich, dass ich mich in der Tat in den letzten Wochen kaum um die Tagesaktualitäten oder die aktuelle Politik gekümmert habe, sondern in die Vierzigerjahre des letzten Jahrhunderts abgetaucht bin.

Es waren drei Bücher, die mich in die Zeit des zweiten Weltkriegs zurückversetzt haben.

Zunächst einmal auf eine Empfehlung des leider verstorbenen britischen Historikers Tony Judt in seiner Essaysammlung «Das vergessene 20. Jahrhundert» der Roman «Sonnenfinsternis» von Arthur Koestler. Wer diesen wohl bedeutendsten politischen Roman des 20. Jahrhunderts noch nicht gelesen hat, dem sei empfohlen, dies nachzuholen. Held des Buches ist Nicolas Salmanowitsch Rubaschow, ein hoher sowjetischer Funktionär, Trotzki, Radek und Bucharin nachempfunden, der eines Nachts verhaftet und im Rahmen der Moskauer Prozesse auf Geheiss Stalins verurteilt wird. Am Ende langer Verhöre gesteht er alle ihm vorgeworfenen Verbrechen, die er so nie begangen hat, und hält damit der Partei und dem Führer die Treue, leistet ihr einen letzten Genossendienst. Alle Figuren im Roman sind zwar erfunden, aber: SO IST ES WIRKLICH GEWESEN! Es ist ein niederschmetterndes Buch, vor allem, weil man weiss, wie nahe an der Realität Koestler erzählt. Und weil ich befürchte, dass unter Putin die Gewaltentrennung in Russland nicht viel besser funktioniert als seinerzeit unter Stalin.

«Unter der Drachenwand» von Arno Geiger versetzt den Leser zurück in die letzten Kriegsjahre vor 1945. Wir sind in Österreich. Ein verletzter Wehrmachtsoldat kommt von der Ostfront zurück in sein Elternhaus nach Wien, findet dort seinen Vater, den Nazifan, den er nicht mehr aushalten kann, flieht aufs Land unter die Drachenwand, gerät an seinen Onkel, den er schliesslich erschiesst, um einen Freund zu retten, verliebt sich in eine Berlinerin, und wir verfolgen die alliierten Bomber, die über all dies hinweg nach Linz fliegen, lesen die Briefe aus Berlin, wo alles bombardiert wird, und staunen, wie viele Menschen noch immer an den Führer und die Wunderwaffe und den Endsieg glauben oder jedenfalls so tun (müssen), selbst, als die Russen schon vor Wien stehen. Der Held der Geschichte, der Wehrmachtsoldat, muss zurück an die Front, überlebt aber, und wir legen das Buch zufrieden weg.

Paulus Hochgatterer bedient sich einer Begebenheit, die sich in seiner Familie gegen Ende des Krieges zugetragen hat und schreibt «Der Tag, an dem mein Grossvater ein Held war». War er das wirklich? Jedenfalls ist der gewalttätige Wehrmachtsleutnant am Ende der kurzen Erzählung tot – allerdings wahrscheinlich auch der auf den Hof der Familie geflüchtete russische Soldat. Wie Menschen mit dem Krieg, mit der Soldateska, mit der Politik in einer Diktatur umgehen, wird aus der Sicht eines dreizehnjährigen Mädchens erzählt. Das gelingt dem Kinderpsychiater Hochgatterer grossartig.

Diese drei Bücher haben mich dermassen gefangen genommen, dass ich Allan Guggenbühls Kritik am Lehrplan 21 aus dem Tagi vom 26. Mai nur am Rand zur Kenntnis genommen und Eric Gujers Artikel über die Zeitenwende in der Weltpolitik vom 25. Mai schon gar nicht erst gelesen habe. Während ich diesen Beitrag für die Homepage schreibe, hole ich die Lektüre aus der NZZ nach und zitiere daraus:

Eric Gujer: «Eine forcierte Realpolitik kennt derzeit viele Anhänger: das Russland des Geheimdienstfunktionärs Putin ohnehin, aber auch China, das seine Hegemonie in Asien festigt und bis zum Jahr 2030 seine Marine so weit vergrössern wird, dass sie im Pazifik die Vormachtstellung der US-Navy bricht. Der chinesische General Sunzi verfasste bereits zwei Jahrtausende vor Machiavelli das erste realpolitische Traktat zur Kriegs- und Staatskunst. Während aber die Thesen des Florentiners in Europa umstritten blieben, erfreute sich der Feldherr im Reich der Mitte stets höchsten Ansehens.»

Und frage mich einigermassen verunsichert: Muss denn Realpolitik wirklich sein, Herr Gujer? Oder führt sie uns nicht wieder zurück in eine Welt wie jene der Vierzigerjahre des letzten Jahrhunderts?

Mein Freund wird ja in wenigen Wochen ausgeruht, sonngebräunt und glücklich aus den Ferien zurück sein, dann suchen wir Antworten.

 

Arthur Koestler. Sonnenfinsternis. Elsinor Verlag. Coesfeld. 2016
Arno Geiger. Unter der Drachenwand. Carl Hanser Verlag. München 2018
Paulus Hochgatterer. Der Tag, an dem mein Grossvater ein Held war. Paul Zolnay Verlag. Wien 2017

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