Der Grossvater

Grossvater steht mit vielen Männern im Wald an einer Holzgant, Stumpen im Gesicht, ein Rio 6, die Hände in den Hosenträgern. Er kauft einen Ster Brennholz. Oder war es gar ein Klafter? Ich war noch sehr klein, weiss es nicht mehr.

Dann waren wir oft im Wald, gingen mit dem Leiterwagen «ins Holz». In meiner Erinnerung war es immer kalt. Grossvaters Nase tropfte. Habe ich geholfen? Äste zusammengetragen? Oder gar Kleinholz gehackt? Ich war wohl zu ungeschickt.

Grossvater hielt Kaninchen und Hühner. Er mähte in der Umgebung Grasborte mit der Sense. Ich bewunderte ihn, wie er damit umgehen konnte, wie präzise er an Mauern und Gartenhaag heranmähen konnte, wie regelmässig und ruhig er die Sense dengelte. Ich durfte zusehen, wie er einem Huhn den Kopf abschlug, wie das Huhn kopflos davonrannte, bevor es die Grossmutter rupfen konnte. Sie trug wohl drei oder vier Schürzen übereinander. Heute denke ich dabei an Günter Grass.

Zum Zvieri isst Grossvater Speck und Käse, schneidet beides mit dem Taschenmesser, trinkt ein Glas Magdalener oder Kalterersee aus der fünfundzwanzig Liter Korbflasche. „Mach nicht immer so kleine Stücke“, sagt die Grossmutter.

Am Abend heizt Grossvater den Ofen ein. Im Gang hängt ein grosses Foto von ihm, zeigt einen etwa fünfzigjährigen Mann mit Hitlerschnauz. Der Kachelofen steht in der Stube. Als ich zum letzten Mal in Grossvaters Haus war, seinen Hühner- und Kaninchenstall sah, erschrak ich, wie klein das alles war, was dem Knaben damals die Welt bedeutet hatte.

Die Mittelschule besuchte ich zunächst in Zürich. Ich schämte mich ob meiner schmutzigen Schuhe angesichts der glänzenden Exemplare meiner Kameraden vom Zürichberg. Hatte ich keine anderen Sorgen? Grossvater jedenfalls erlöste mich: Er putzte, glänzte und polierte meine Schuhe, dass sie neuer und schöner aussahen als jene vom Zürichberg. Letzthin habe ich gelesen, wie ein Schriftseller in einem seiner Werke praktisch die gleiche Erinnerung schildert. Wer hat das wo geschrieben? Das herauszufinden, wäre ein grösseres Unterfangen.

Noch eine Erinnerung: Als kleiner Knabe verbrachte ich hie und da die Nacht bei den Grosseltern, schlief auf dem Sofa in der Stube. Man deckte die Ständerlampe mit einem Tuch etwas ab, stellte den Fernseher an – die Grosseltern waren die ersten in unserer Familie mit so einem Apparat – und das noch heute aktuelle und sehr bekannte Signet des Tatorts erklang, und bald schlief ich ein. Diese Erinnerung täuscht offenbar, wie ich diese Woche erfahre, wo das fünfzigjährige Bestehen der Tatortserie gefeiert wird. Der erste Tatort sei 1970 ausgestrahlt worden. Da war ich längst verheiratet. Ob noch andere der hier geschilderten Erinnerungen trügen?

Grossvater liegt auf dem Sofa in der Stube. Grossmutter, Mutter und Tante waschen ihn. Grossvater stirbt. Nach seinem Tod übergibt mir Grossmutter seine Dienstpistole, eine Parabellum. Er ist Fourier gewesen

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