Corona, schnee und lektüre

Der januar 2021 erholte sich noch überhaupt nicht von Corona, die pandemie bestimmte nach wie vor unser leben. Da waren lichtblicke und freuden gesucht – und gefunden: So viel schnee war in Dürnten schon lange nicht mehr:

So viel freude an der weissen pracht!

Natürlich galt nach wie vor «Restez à la maison!» und so genoss ich denn meine lektüre, stunden- und tagelang:

Dorothee Elmiger: Aus der Zuckerfabrik

Die in Wetzikon geborene Dorothee Elmiger berichtet über ihre langen, ausufernden recherchen zu einem eigentlich nicht ersichtlichen thema. In vielen teilen des buches geht es um zucker, um zuckerrohr, um kolonialismus und rassismus, vielleicht auch um das thema «die Schweiz und die welt» etwa bei den nachforschungen zum lottomillionär Buri. Hier zeigt sich: Die wahrheit lässt sich nicht finden, fakt und fiktion sind untrennbar ineinander verschlungen – dies ist wohl eines der tiefsten motive des buches. Die recherchenberichte sind oft sehr kurz, nur einen oder zwei bis drei sätze lang. Und doch entwickelt sich ein sog, der mich nicht mehr losliess bis zum ende, wohl immer auf der suche nach erleuchtung: Was soll das alles? Aber Dorothee erlöst einen nicht!

In erinnerung haften bleiben mir die passagen über Max Frisch in Montauk. Ich wusste gar nicht, dass Montauk ein geografischer begriff und der name eines indianervolkes ist. Erst WIKIPEDIA half da weiter, wie so oft in diesem buch!

Andere passagen betreffen Theresa von Avila, die ich auch nicht kannte, und die Pius XII 1944 zur patronin der schachspieler erhob. [Wen soll sie da beschützen? Die führer der weissen oder jene der schwarzen steine? Oder einfach die verlierer trösten?] Flora Tristan kannte ich nicht, und auch der nationalheld Haïtis, Toussaint Louverture, begegnet mir bei Elmiger zum ersten mal. Zwar mag Tingler recht haben, der im SRF-literaturklub das buch vernichtend aburteilte als schlecht verarbeitetes sammelsurium von angelesenem wissen, aber mich hat es unterhalten und auf angenehmste weise belehrt.

Arnold Esch: Von Rom bis an die Ränder der Welt

Ein zitat, das den kern des buches präzise formuliert, seite 138: «Die freude, der geschichte in freier landschaft nachzugehen». Im kapitel «Mit dem inschriftenausmeissler unterwegs» finde ich: «60 meilen ab Augsburg oder 89 km: das ist nur 10 km länger als die Luftlinie und zeigt die unbeirrbare geradlinigkeit römischer strassen – der Geta-ausmeissler sah nicht nur seinen nächsten stein, sondern auch schon den übernächsten.» Besonders begeisterte mich natürlich das erste kapitel: «Historische landschaft Burgund», da geht es um die Burgunder, also die Nibelungen, um Bibracte und Cäsar, um Alesia und Tournus, Auxerre und natürlich auch Verdun, alles orte und namen, denen wir in unseren fast jährlichen reisen nach Frankreich ständig begegnen, und denen ich nun in anderem, historischem zusammenhang begegne.

Die beschreibung der wanderung entlang der Via Valeria zwang mich, in die Italienkarte zu schauen, doch fand ich nicht alle ortsangaben. Immerhin. Es zeigte sich, dass wir in den ferien in Tortoretto Lido und Pescara ganz in der nähe gewesen waren. [So war ich denn auch entsetzt, lesen zu müssen, dass auf der passhöhe des Septimers römische spuren zu sehen wären, was ich seinerzeit nicht gewusst hatte, als ich mit der klasse von Bivio nach Vicosoprano wanderte. Schande über den jungen lehrer – na, die schüler hätte es wohl nicht wirklich interessiert.] Das kapitel zum passverkehr über die Alpen faszinierte mich als nichthistoriker vor allem quellentechnisch: was Esch da aus alltäglichen notizen und tabellen herausliest, wie sorgfältig er damit umgeht, das beeindruckt mich sehr.

Ganz am schluss dann die Transsibirische Eisenbahn unmittelbar nach dem zusammenbruch der Sowjetunion. Das muss ich ein zweites mal mit einer karte in der hand nachlesen, denn in dieser gegend war ich noch nie. Bhutan ist halt nicht die Mongolei. [Esch arbeitet übrigens öfters mit hinweisen auf Google Earth oder mit genauen ortsangaben (anzahl grad, minuten und sekunden nord und ost etc.) Die bemerkung, wenn man Egon Erwin Kischs reportagen aus den jahren 1925/26 gleichzeitig mit Solschenizyns GULAG lese, werde einem schwindlig, rief mir meine seinerzeitige GULAG-lektüre in erinnerung. Aber wo sind die bücher?

In den anmerkungen stelle ich fest, dass Esch in Bern und Zürich gelesen hat. [Mein Freund Heini Müller wird ihn also gut kennen, denke ich.] Der klappentext erwähnt viel lieber seine arbeit in Rom, unter anderem bei der päpstlichen akademie für archäologie. Logo!!

Leave a Reply

You can use these HTML tags

<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>