Künstler oder künstliche intelligenz?

Unter der fragestellung «Übertrifft die künstliche Intelligenz den Schriftsteller?» berichtet Paul Jandl in der NZZ vom 11. februar 2021 über die rede von Daniel Kehlmann «Mein Algorithmus und ich». Es geht um folgendes experiment: Kehlmann oder der algorithmus beginnen eine geschichte. Der andere fährt fort. Und so geht es im wechsel immer weiter. Kehlmann, dessen roman «Die Vermessung der Welt» ich sehr schätze, attestiert dem algorithmus, er sei ein meister des wirkungsvollen anfangs. Kehlmanns selbstversuch mit künstlicher intelligenz scheitert auf interessantem niveau, schreibt Jandl.

Mich erinnert dies an eine episode vor einigen jahrzehnten. Ein mathematiklehrer erzählte mir, wir sassen vor dem schachbrett, bereit für eine partie, er habe in einer projektwoche mit seiner klasse ein computerprogramm entwickelt, welches gedichte schreibe. Das ergebnis sei sehr interessant gewesen. Vor allem aber hätten seine schüler wohl nie so intensiv mathematik betrieben wie in dieser woche. Ob er solch interessante projekte nun des öftern in den unterricht einflechten werde, fragte ich ihn. Da wehrte er entsetzt ab. Er habe dafür doch keine zeit, schliesslich müsse er «seinen stoff» behandeln. [1. c2 – c4] Ach, die schule! Da gibt es neben dem schulweg soviel interessantes zu sehen und zu erleben, aber es geht schnell geradeaus in den unterricht zur stoffbehandlung. Seneca: «Nicht für das leben, sondern für die schule lernen wir.» [Ich weiss übrigens nicht mehr, wer die seinerzeitige schachpartie gewann. Kehlmann hingegen bleibt diesmal sieger.]

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