Der rückzug ins private hält an

Das virus bestimmt noch immer weitgehend unser leben. Wissen wir noch wie «ausgang» geht, wie es sich anfühlt, in einer fröhlichen menschenmenge in Zürich an der seepromenade zu spazieren, kennen wir noch die ausgelassenheit eines rummelplatzes, etwa am knabenschiessen? Nein! Sogar der Sechseläuten-böögg soll im versteckten der Schöllenenschlucht entzündet werden. Alles zieht sich zurück, flieht ins private.

Worüber soll denn hier überhaupt noch berichtet werden?

Über unseren vierundfünfzigsten hochzeitstag? Wer interessiert sich denn für so etwas? Für ein privates fest zu zweit mit festessen aus dem take away mit fünfzehn Gault-Millau punkten? [Beim abholen habe ich beinahe die maske vergessen!]

Ich suche wie so oft zuflucht in der literatur, und man teilt mir (in der heutigen NZZ) mit: Genau heute vor genau hundert jahren kam Charles Baudelaire zur welt. Reisen wir doch mit ihm nach Paris. In seinen TABLEAUX PARISIENS in den FLEURS DU MAL lesen wir, und das tröstet uns nun kaum:

«Un cygne qui s’était évadé de sa cage
Et, de ses pieds palmés frottant le pavé sec,
Sur le sol raboteux traînait son grand plumage.
Près d’un ruisseau sans eau la bête ouvrant le bec

Baignait nerveusement ses ailes dans la poudre,
Et disait, le cœur plein de son lac natal :
« Eau, quand donc pleuvras-tu ? Quand tonneras-tu, foudre ?
Je vois ce malheureux, mythe étrange et fatal,

Vers le ciel quelquefois, comme l’homme d’Ovide,
Vers le ciel ironique et cruellement bleu,
Sur son cou convulsif tendant sa tête avide,
Comme s’il adressait des reproches à Dieu. »

So, wie ich heute in pandemiezeiten nicht von einem strahlenden Paris träumen kann, so leidet auch Baudelaire an seinem von Haussmann arg umgebauten Paris.

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