Verspätete Lektüre mit erschreckender Aktualität

Manchmal wundere ich mich schon über mich. Ein Leben lang lese ich und lese und lese. Schon 1963, an der Mittelschule, vergrub ich mich in Prousts Recherche. Aber Hannah Arendts «Eichmann in Jerusalem» öffnete ich erst, nachdem ich dieses Jahr Hildegard Kellers «Was wir scheinen» gelesen hatte, diesen feinen Roman über Hannah Arendts Leben. Darin wird natürlich der «Shitstorm», wie wir heute sagen würden, geschildert, der sich nach der Publikation des Buches 1963 über Hannah Arendt ergoss.

Der Prozess gegen Eichmann fand 1961 in Jerusalem statt, nachdem die Israeli Eichmann in Argentinien festgenommen hatten. Hannah Arendt, die Jüdin aus Hannover, 1933 nach Frankreich und dann in die USA geflüchtet, nun amerikanische Staatsbürgerin, verfolgte den Prozess als Journalistin. Ihre Berichte an US-Zeitungen verarbeitete sie schliesslich in das Buch, das so schrecklich viel Staub, vor allem auf jüdischer Seite, aufwirbelte.

Es war vor allem ihre Schilderung der Rolle von jüdischen Organisationen und der Judenräte, welche die wütenden Proteste auslöste. Auch ich unterschätzte bisher die Ausmasse der «Hilfestellungen» von jüdischer Seite gegenüber den Nazis. Ohne sie wäre ein rascher Abtransport so vieler Menschen in die Gaskammern nicht möglich gewesen. Arendt analysiert aber sehr exakt die Motive und Hintergründe dieser Handlungen.

Ich kannte natürlich längst das Wort von der «Banalität des Bösen»; ich realisiere aber erst heute, dass Arendt den Untertitel ihres Buches später sehr bedauerte, weil er ihre sorgfältigen Analysen darüber, weshalb so viele Menschen dem «Bösen» so unbewegt und zuverlässig oder gar begeistert zudienen konnten, eher verschleierte als sie im Kern erfasste.

Im Detail nachzulesen, was schon in den Sechziger Jahren alles über «die Endlösung» bekannt war, wie Deutsche, wie jüdische Deutsche und jüdische Westeuropäer, wie Ostjuden, wie jüdische Organisationen im Reich und im Osten empfanden, dachten und handelten, das ist beinahe unerträglich.

Westdeutschland unter Adenauer und Israel unter Ben Gurion machen in Arendts Wahrnehmung eine überaus schlechte Figur. Und die Probleme im Nahen Osten, die heute wieder so kriegerisch aktuell sind, analysiert Arendt schon 1963 aus heutiger Sicht recht prophetisch. Ich lese eine Ausgabe der Penguin Classics aus dem Jahr 2006 mit einem gescheiten und sehr lesenswerten Nachwort von Amos Elon.

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