Polnisch-schweizerische familiengeschichten

Vor ein paar jahren fragte mich ein nachbar aus der siedlung im Eschberg, was es bedeute, wenn menschen in der Schweiz «interniert» würden, ob das denn nicht einfach flüchtlinge seien? Meine antwort war wohl nicht so präzise, wie ich sie nun im glossar des buches «Interniert. Polnisch-schweizerische Familiengeschichten» gefunden habe:

«Die Internierung von Militärpersonen ist seit 1907 in den Haager Abkommen geregelt. Demnach sind «nicht Krieg führende Länder» berechtigt, ausländische Militär- und Zivilpersonen in Lagern oder ähnlichen Orten, die von der Armee verwaltet werden, mit Aufenthaltsverboten ausserhalb eines bestimmten Bereichs zu belegen und, mit Ausnahme der Offiziere, zur Arbeit zu verpflichten.»

Das buch «Interniert. Polnisch-schweizerische Familiengeschichten» enthält 21 erzählungen über familien, in denen ein 1940 internierter polnischer soldat oder offizier eine schweizerin geheiratet hat. Das sind sehr unterschiedliche, aber – auch angesichts der aktuellen debatten über migration – immer sehr interessante geschichten über sehr schwierige schicksale, die nicht immer glücklich ausgehen. Meist werden sie von den enkeln recherchiert und erzählt. Für mich war übrigens neu, dass damals schweizer frauen bei der heirat mit einem ausländer ihr bürgerrecht verloren und in den erzählungen dieses buches oft staatenlos wurden, sozusagen frühe «sans papiers».

Nicht in allen fällen kommt die schweizerische politik sehr gut weg. Und doch wurde es vielen Polen ermöglicht, ihre ausbildung oder gar ihr studium in der Schweiz abzuschliessen. Der historiker Georg Kreis liefert ein knappes, sehr sachliches nachwort, das die ereignisse im zusammenhang mit der internierung der polnischen militärs vor, während und nach dem zweiten weltkrieg darlegt.

Es ist eine manchmal beklemmende, aber immer lohnende und spannende lektüre, die ich allen empfehlen möchte.

Marie-Isabelle Bill. Interniert. Polnisch-schweizerische Familiengeschichten. Chronos 2020. Zürich

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