Corona und Pfnüsel

Ende September 2020 – und noch immer beschäftigt COVID-19 die ganze Welt. Und schon stehen Herbst und Winter und damit die Pfnüselzeit vor der Tür. Viele haben Angst. Andere fragen, was das alles soll, das seien reine Verschwörungen. Wer behält einen klaren Kopf?

Womöglich hilft nur der Galgenhumor – und ich zitiere wieder einmal Christian Morgenstern:

Ein Schnupfen hockt auf der Terrasse,
auf dass er sich ein Opfer fasse

– und stürzt alsbald mit grossem Grimm
auf einen Menschen namens Schrimm.

Paul Schrimm erwidert prompt: „Pitschü!“
und hat ihn drauf bis Montag früh.

Christian Morgenstern. Alle Galgenlieder. Insel-Verlag. Wiesbaden. 1947
Erstveröffentlichung: 1905

Sainte-Beuve

Lange Zeit veröffentlichte die NZZ jeden Dienstag eine Kolumne des in Amerika lebenden britischen Historikers Niall Ferguson. Die Kolumne erschien jeweils in einer britischen Zeitung und in der NZZ exklusive in deutscher Übersetzung. Ich las sie immer mit grossem Interesse, mit Genuss und Gewinn und sandte sie dann elektronisch einem meiner Freunde, der Tagileser ist, und der sich mit der samstäglichen Tagi-Schachspalte revanchiert – die NZZ vernachlässigt uns Schachspieler sträflich. Sie wird sich wohl denken, es gäbe für uns genug Möglichkeiten, uns im Netz zu tummeln mit Worldchess, Chessbase und anderem.

Einmal schrieb mir mein Freund: «Schon eindrücklich, worüber er [Ferguson] alles Bescheid weiss. Ich möchte einmal wissen, wie solche Artikel entstehen. Gibt es da ein „Büro“, das Artikel in seinem Auftrag verfasst und nach seinen Ideen recherchiert, oder kann der Tausendsassa Solches einfach aus dem Ärmel schütteln?»

Oh, antwortete ich ihm, so aussergewöhnlich ist das nicht. Da gab es im 19. Jahrhundert einen Charles-Augustin Sainte-Beuve (1809 – 1869), der zwischen 1849 und 1869 – ausser in den Jahren 1857 -1861 – jeden Montag seine «Causerie du Lundi» publizierte. Um dies präzise belegen zu können, blätterte ich wieder einmal im Buch «Sainte-Beuve» von Wolf Lepenies – und es ergeht mir wie so oft: Ich stecke immer noch in diesen gut 600 Seiten, die mir die Geschichte und die Literatur Frankreichs des 17., 18. und 19. Jahrhunderts aufs eindrücklichste und farbigste nahe bringen. Hier ein kurzer Ausschnitt aus dem Buch von Lepenies über die Arbeitsweise Sainte-Beuves:

Ein Bild, das Text, Zeitung enthält.

Automatisch generierte Beschreibung

Auf Das Buch von Lepenies bin ich seinerzeit als begeisterter Proustleser gestossen, dessen „Recherche du temps perdu“ in einer ersten Arbeitsphase „Contre Sainte-Beuve“ hiess. Schon damals fragte ich mich, wer dieser Sainte-Beuve denn gewesen sei und stiess auf die „Causeries du Lundi“.

Sainte-Beuve war lange Zeit mit Victor Hugo befreundet, bevor sich die beiden zerstritten. (Adèle Hugo und Sainte-Beuve verliebten sich ineinander.) Victor Hugos Umgang mit Sainte-Beuve, der seinen Skeptizismus in Glaubensdingen schliesslich nicht mehr verbarg, prägte Hugos Roman «Notre Dame de Paris» massgeblich in Richtung auf eine Vision einer glaubensentleerten Moderne. Ein Kapitel des Romans ist überschrieben mit «Ceci tuera cela»: Das Buch tötet die Kathedralen!

So ganz nebenbei: Ich diskutierte mit meinem Freund einmal über Zwinglis Wurstessen, weil er in einer Zürcher Metzgerei eine Schweinsbratwurst gekauft hatte mit dem Aufdruck «Zwingliwurst 1519» und ich ihn darauf aufmerksam machte, dass dieses Essen bei Froschauer erst 1520 stattgefunden habe und zwar mit einer geräucherten Wurst, also einer Art Landjäger. Zwingli war zwar dabei, ass aber nicht mit. 1868 ass Sainte-Beuve am Karfreitag mit Freunden, dem Prinz Napoleon, Taine, Renan und Flaubert Fleisch. Flaubert: «Sainte-Beuve ass Karfreitags immer nur Fleisch und Wurst.» Dieses Wurstessen, das «Abendmahl in der Rue du Montparnasse, wurde zu einem Skandal des Empire,» schreibt Wolf Lepenies.

Wolf Lepenies. Sainte-Beuve. Carl Hanser Verlag. München Wien. 1997

Da wo das Leben noch lebenswert ist

Wir sind als Stammgäste eines Bistro in Zürich zu einem feinen Apéritif geladen. Das Wirte Ehepaar feiert das zehnjährige Jubiläum und dankt uns die treue Kundschaft – eine nette Geste. Im Laufe des schönen Herbstabends stellt sich dann heraus: Die Wirtsleute verlassen das zürcherische Bistro Le Puy und wandern aus in die Bretagne, eröffnen dort eine Bar, ein Bistro und laden uns nun ein, ihnen auch in Frankreich treu zu bleiben und sie wenn möglich und je nach Lust und Vermögen auch finanziell zu unterstützen. Da verschwindet also eine Zürcher Adresse, die wir sehr zu schätzen wussten, die wir oft besuchten, in der wir wirklich eine feine französische Küche genossen. Das stimmt nun doch etwas traurig – und die Bretagne ist halt weit weg.

Und es erinnert mich an andere Restaurants, die ich lieb gewonnen hatte, und die es nicht mehr gibt. Die Lebensdauer solch gastfreundlicher Häuser samt der Verweildauer ihrer Wirtsleute scheint doch kürzer zu sein als ich es mir wünschen würde.

Da war einmal die Rossweid in Gockhausen mit der hohen, offenen Holzdecke, einer sehr schönen Zimmermannsarbeit, mit den von mir sehr geschätzten Tripes à la mode de Caen oder dem Züri-Gschnätzlet mit Nieren, wie es sich gehört. Das Restaurant wich einer Wohnüberbauung.

Später ass ich oft im Restaurant Gonzalez zu Mittag, spanisch mit herrlicher Parillada, mit einem schönen, hinter dem Haus ruhig liegenden Garten. Wir feierten hier einige Familienfeste. Herr und Frau Gonzalez zog es nach Spanien!

Es wäre übertrieben, Lebensabschnitte nach den jeweils meist frequentierten Restaurants zu benennen. Doch immerhin: Als sich mein Berufsleben weitestgehend in Bern abspielte, fühlte ich mich in der Casa d’Italia wohl. Zurück im Kanton Zürich ass ich mittags mit den Arbeitskollegen und oft am Abend mit Familie und Freunden in der Rossweid bei Attingers und als meine Büros in der Stadt Zürich lagen, genoss ich das Gonzalez. Das Le Puy wurde das Bistro meiner bisherigen Rentnerjahre.

Denke ich an «meine» Restaurants, so kommt mir Peter Alexanders Schlager in den Sinn: «… da wo das Leben noch lebenswert ist.» Doch der wichtigste Grund, immer wieder an diesen Orten einzukehren, sind natürlich die Wirtsleute. Es bildete sich über Jahre jeweils eine solide, freundliche, persönlich bereichernde Beziehung heraus, die dann plötzlich abbrach und irgendwie fehlte. Aber klar: Ich werde neue Häuser, neue Gärten, neue feine Gerichte, neue nette Wirtsleute kennen und schätzen lernen – hoffentlich. Und nächstes Jahr fahren wir in die Bretagne!

Da fällt mir auf: Die Casa d’Italia, die ich in den Siebzigerjahren des letzten Jahrhunderts so häufig frequentiert hatte, die gibt es immer noch und sieht im Internet beinahe so aus wie damals.

gross, klein, gemässigt oder neu

Mein freund erzählt mir begeistert von seinem neuen handy. Nun müsse er ihm allerdings erst mühsam die kleinschreibung beibringen. Immer greife das korrekturprogramm ein. Aber mit der zeit werde sich das dann schon ergeben. [Das korrekturprogramm könne man doch ausschalten, wandte ich ein. Aber als ich das für diesen text versuchte, brauchte ich schon mehrere anläufe, bevor ich das richtige häkchen löschen konnte.] Nun erinnerte ich mich plötzlich an längst vergessenes: Als mittelschüler trat ich dem Bund für vereinfachte rechtschreibung bei, der sich für die gemässigte kleinschreibung einsetzte, und den es immer noch gibt, der sogar eine topaktuelle homepage führt. Als präsident einer lehrerkonferenz gab ich anfangs der siebzigerjahre das mitteilungsblatt der konferenz in gemässigter kleinschreibung heraus: Nur satzanfänge und eigennamen wurden gross geschrieben. Wie gesagt, ich hatte das vergessen, doch fällt mir nun ein, dass sich der damalige erziehungsdirektor, herr Gilgen, darüber sehr geärgert hatte, das sei dummes zeug! Das hauptargument gegen die kleinschreibung lautete damals, deutsche texte würden dadurch schwieriger lesbar und in einigen fällen sogar missverständlich. Ich gehe davon aus, dass man bei einiger übung texte in gemässigter kleinschreibung mühelos wird lesen können. [Übrigens: wie geht es Ihnen bei diesem text hier?] Es ist wie mit mundarttexten. Wer zum ersten mal eine kolumne von Pedro Lenz liest, wird mühe haben – vor allem als nichtberner. Es hilft schon, Lenz einmal gehört zu haben, wie er seine geschichten liest. Mit seinem tonfall, seinem sprachrhythmus im ohr fällt dann die lektüre wesentlich leichter.

Gegen ende des letzten jahrhunderts gab es ja dann tatsächlich eine rechtschreibreform, die neue rechtschreibung, die allerdings die fälle von grossschreibung massiv erhöhte. Heute beobachte ich mich dabei, wie ich selbst in SMS und emails substantive mühsam gross schreibe, obschon ich täglich mails lese, die ohne jede majuskel auskommen. In erinnerung an mich als junger lehrer, der von seinen schülern natürlich die geltende orrtografie einforderte, werde ich von nun an allerdings meine mails in kleinchreibung abfassen.

Es gab damals übrigens noch etwas, was längst verschwunden ist wie die gemässigte kleinschreibung – die sich allerdings nie etablieren konnte – nämlich die stenografie. Wir mittelschüler unterrichteten die jüngeren jahrgänge in dieser kunst der kurzschrift, welche durch moderne technik so überflüssig geworden ist wie demnächst wohl auch die handschrift.

Internierte im Girenbad Hinwil

Der Wikipedia-Eintrag zum Hinwiler Girenbad führt zwei Persönlichkeiten auf: Joseph Schmidt (1904 – 1942) und Bundesrat Ueli Maurer (* 1950). Joseph Schmidt bin ich in Lukas Hartmanns historischem Roman «Der Sänger» begegnet. Joseph Schmidt war in den dreissiger Jahren in der Tat ein sehr umschwärmter und quasi weltweit sehr berühmter Tenor gewesen. Er stammte aus einer jüdischen Familie in Davideny, Bukowina, damals Österreich. In den vierziger Jahren floh er vor den Nazis nach Südfrankreich und gelangte 1942 schliesslich illegal in die Schweiz. Er wurde ins Internierungslager im Girenbad eingeliefert und starb dort wenige Wochen später am 16. November 1942 in einem Zimmer des Restaurants Waldegg im Girenbad.

Ich finde Hartmanns Buch grossartig und bin tief beeindruckt, ja schockiert vom Schicksal dieses begnadeten Sängers im Zürcher Oberland. Lukas Hartmann verweist in seinem abschliessenden Dankeskapitel auf die Homepage www.josephschmidt-archiv.ch, geführt vom Tenor Alfred Fassbind in Dürnten. Hier lese ich, dass am Haus der Waldegg eine Gedenktafel an Joseph Schmidt angebracht sei. Obwohl wir häufig Käse im Girenbad kaufen, haben wir die Waldegg und die Tafel noch nie gesehen. Also los: suchen! Und hier ist sie, fast unmittelbar neben der Käserei Bieri. Die Waldegg ist zwar kein Restaurant mehr, aber die Tafel ist noch da:

 

Und im Web bei Herrn Fassbind kann man Joseph Schmidt auch singen hören: grossartig!

 

Das Gebäude, in welchem die Internierten einquartiert waren – unter ihnen übrigens auch Manès Sperber, der auch aus der Bukowina stammte – haben wir nicht gefunden. Es war damals tatsächlich eine «gnadenlose Zeit», unmenschlich auch das Verhalten von Menschen in unserer Gegend.

Wikipedia übergeht übrigens die Internierung Sperbers, heisst es da doch einfach:
„…  flüchtete er im Herbst 1942 in die Schweiz. Nach Kriegsende 1945 kehrte Sperber nach Paris zurück.“
Rudolf Isler behandelt Sperbers Aufenthalt im Girenbad auf knapp zwei Seiten. Darin zitiert er Manès Sperber wie folgt: „In diesen Lagern, in denen die Internierten völlig rechtlos waren, wurde ihnen selbst der Versuch, sich zu beschweren, strengstens verboten, als ob die Beschwerde ein Akt der Meuterei wäre. Jene, die diese Lager so gewollt und geleitet haben, handelten im Sinne Adolf Hitlers.“ (S. 64)

Lukas Hartmann. Der Sänger. Diogenes Verlag AG. 2019
Rudolf Isler: Manès Sperber. Zeuge des 20. Jahrhunderts. Eine Lebensgeschichte Vorwort: Daniel Cohn-Bendit. 2. Auflage. Aarau: Sauerländer & Cornelsen 2004

De mortuis nil nisi bene

Klaus Bartels (1936 – 2020)

Klaus Bartels haben wir in einem Kurs in Wetzikon kennengelernt. Der Altphilologe begeisterte uns, und ich engagierte ihn als Redner an einer Vortragsreihe für Zürcher Schulbehörden. Klaus Bartels erläuterte mit einer Reihe Zitaten aus dem alten Rom, wie die damaligen Menschen über Schule und Bildung dachten und formulierte daraus abgeleitet kritische Bemerkungen zur aktuellen Bildungspolitik, die gerade durch das New Public Management durchgeschüttelt wurde. Bildungsdirektor Buschor äusserte sich nach dem Vortrag prompt säuerlich abschätzig «über diese Altphilologen». Später lud ich Klaus Bartels ein, an einem Gartenfest im Pestalozzianum aufzutreten. Dort zitierte und erläuterte er Einsichten und Anekdoten zur Schulung und Bildung aus dem klassischen Altertum. So etwa das Geläufige «Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir». Und erklärte dann schmunzelnd, dass Seneca ganz anders formuliert habe: «Non vitae, sed scholae discimus. Nicht für das Leben, für die Schule lernen wir». Am gleichen Gartenfest referierte auch ein Deutschdidaktiker aus der Sicht von Dichtern aus dem 20. Jahrhundert. Er zitierte etwa Günther Grass: «Noch immer derselbe triste Notenmief» (In: Die unterbrochene Schulstunde).

In meinem Büchergestell stehen acht Bücher mit Wortgeschichten, geflügelten Worten und «Jahrtausendworte – in die Gegenwart gesprochen», in denen ich immer wieder gerne blättere und lese:

Veni Vidi Vici. Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt. 1992
Homerisches Allotria. Verlag NZZ. 1993
Wie Berenike auf die Vernissage kam. Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt. 1996
Wie der Steuermann im Cyberspace landete. Primus Verlag1998
Roms sprechende Steine. NZZ Verlag. 2000
Trüffelschweine im Kartoffelacker. Verlag Philipp von Zabern. 2003
Internet à la Scipio. Verlag Philipp von Zabern. 2004
Jahrtausendworte – in die Gegenwart gesprochen. Rombach verlag.2019

In einigen dieser Bücher findet sich eine Widmung «für Werner» von Klaus Bartels. So zum Beispiel: «Nunquam plus ago, quam cum nihil ago; numquam minus solus sum, quam cum solus sum.» Als Nichtlateiner hatte ich keine Ahnung, was das bedeutet, fand später aber in den Jahrtausendworten die Übersetzung: «Niemals tue ich mehr, als wenn ich nichts tue; niemals bin ich weniger allein, als wenn ich allein bin.» (Cicero. Über den Staat). Das passt doch nicht schlecht in diese Coronazeiten, finde ich.

Nun ist Klaus Bartels gestorben. Er wird mir fehlen, aber seine Bücher werden mich weiterhin begleiten. Es fällt mir überaus leicht, bei Klaus Bartels dem folgenden antiken Gebot zu folgen:

„Über die Toten soll man immer nur wohlmeinend, niemals übelwollend sprechen.“ [Klaus Bartels. Veni vidi vici S.60]

 

Drei lesenswerte Bücher

«Die Bücher im Regal reden miteinander». So ungefähr las ich es bei Umberto Eco, und ich erfahre immer wieder, dass es stimmt. In einer Gesprächsrunde über Literatur – die zu diesen Coronazeiten aufs Virtuelle verlegt wird – lesen wir von Angelika Overath «Ein Winter in Istanbul». Sie erzählt die Geschichte eines Engadiner Mittelschullehrers, der einen Studienaufenthalt in Istanbul verbringt und an einer Arbeit über Cusanus schreibt. Er ist verlobt mit einer schönen Churer Lehrerin, die, wie sich herausstellt, von ihm schwanger ist. Er aber verliebt sich in Istanbul in einen schönen, jungen, türkischen Mann und entdeckt, dass er schwul ist.

Ein Thema des Buches, nebst der Liebesgeschichte, ist das Verhältnis der beiden Religionen Christentum und Islam und zwar im Laufe der langen Geschichte Istanbuls oder von Konstantinopel oder Byzanz. Frau Overath lässt in ihrem Buch nebst anderen auch Llull und Cusanus auftreten, denn beide spielten eine Rolle in der Geschichte Istanbuls und beide plädierten auf wissenschaftlicher Basis erstaunlich früh für religiöse Toleranz. Und beiden bin ich bei früherer Lektüre schon begegnet.

Dem Spanier RamÓn Llull (1232 – 1316) begegnete ich auf Seite 609 in Dieter Kühns letztem Buch «Das magische Auge». Kühn baut Llulls Scheibe aus dessen «Ars magna combinatoria» nach und damit die Idee, dass in Gottes wohl geschaffener Welt alles mit allem irgendwie zusammenhängt und sich auf das Beste fügt.

Über Cusanus (1401 – 1464) las ich in George G. Szpiros «Die verflixte Mathematik der Demokratie», weil ich verstehen wollte, was «der doppelte Pukelsheimer» bedeutet. Nach der Lektüre schrieb ich auf meiner Homepage 2018 unter dem Titel «Grappa oder Limoncello – Bush oder Al Gore – Auf- oder Abrunden»:

«Im 15. Jahrhundert schlägt Cusanus ein Wahlverfahren vor, das er am Beispiel der Wahl des deutschen Kaisers erläutert, und das noch heute, zum Beispiel bei der Wahl des besten Eurovisionssongs, angewendet wird. Jeder Kandidat erhält von jedem Wähler eine Einstufung  (0 – 10 und dann 12 bei der Eurovision). Solche Verfahren erlauben „strategisches Wählen“. Rolf Nader von der grünen Partei hatte nie eine Chance, amerikanischer Präsident zu werden. Wer grün wählen wollte, wählte deshalb vernünftigerweise nicht Nader, sondern Al Gore, der auch ein bisschen grün war. Im Jahr 2000 waren aber zu wenige Wähler vernünftig, Nader erhielt zu viele Stimmen, Al Gore zu wenige, und Bush gewann. So eine Schande!! Cusanus, der eigentlich Nikolaus Krebs hiess und aus Kues an der Mosel stammte, hatte im Laufe seines Lebens eine riesige Bibliothek zusammengetragen. Im Zweiten Weltkrieg schonten die Alliierten Kues und verzichteten wegen dieser Bibliothek auf die Bombardierung des Städtchens. Cusanus war es übrigens, der beweisen konnte, dass die sogenannte Konstantinische Schenkung an den römischen Papst Silvester im 4. Jahrhundert eine Fälschung aus dem 8. Jahrhundert war.»

Wie gesagt, was da im Regal steht und einmal gelesen worden ist, das zwinkert sich manchmal im Kopf zu – wenn man Glück hat!

Angelika Overath. Ein Winter in Istanbul. Luchterhand. 2018. München

George G. Szpiro. Die verflixte Mathematik der Demokratie. Verlag NZZ. 2011. Zürich

Dieter Kühn. Das magische Auge. S.Fischer. 2013. Frankfurt am Main

Das Frühjahr 2020 kennt nur ein Thema

Am 5. März fahre ich mit meinem Freund per Bahn nach Bern an einen Stamm. Ein anderer Freund fehlt. Er finde Bahnfahrten in unserem Alter zu gefährlich und bleibe vorsichtigerweise zu Hause. Das gibt mir denn doch zu denken, und ich verzichte anderntags auf die Teilnahme an einem Literaturgespräch in Zürich, bin aber offenbar der Einzige aus der Gesprächsrunde, der ängstlich hinter dem Ofen bleibt. Unser Leben bleibt im Übrigen bis am 12. März normal: Coiffeurbesuche, die Zugehfrau putzt, und Herr Spitzli bringt Getränke und trägt sie in den Keller, und ich formuliere im Tagebuch: «Noch funktioniert die Welt normal.» Aber am Freitag, dem dreizehnten wird alles abgesagt: Konzerte, Theater, Vorträge – und dann schliessen die Beizen und die Geschäfte, nur die Lebensmittel- und Weinhandlungen bleiben zugänglich, und wir Alten sollen zuhause bleiben. Und uns isolieren. Onlinebestellungen für Hauslieferdienste sind sofort überlastet und funktionieren nicht mehr wirklich. Die Menschen kaufen wie verrückt Toilettenpapier.

Und mittlerweile – so etwa heute, am 25. März – steht die Schweiz praktisch still. Das Zürcher Seeufer ist abgesperrt. In den Zeitungen, in Radio und Fernsehen gibt es nur ein Thema: Corona. Ich sehe seltsame Bilder: Die Armee rückt ein, nicht in den WK, sondern in den „Ernstfall“, und die Soldaten stehen nicht etwa in Reih und Glied in Achtungstellung, sondern auf einer Wiese im lockeren Zweimeterabstand. Eine «Unterhaltungssendung» zeigt zwei Moderatoren in einer Kulissenstube – im Zweimeterabstand. Die Mikrofone, welche die Fernsehleute den Menschen ins Gesicht strecken, stecken auf zwei Meter langen Stäben und tragen Schutzmasken. Der Bundesrat tagt und beschliesst und informiert, Tag für Tag. Von links bis rechts, von schwarz bis grün applaudieren alle. [Das hätte ich nun wirklich nicht erwartet – und das wird sich wohl auch ändern, je länger die Notlage dauern wird.] Ein hagerer, älterer, ruhiger Mann vom BAG wird zum Schweizer Gesicht der Pandemie.

Wir also als Teil einer Risikogruppe bleiben zuhause, schicken die Tochter in den Volg und erhalten von vielen Nachbarn Hilfsangebote und ein hübsches Blumentöpfchen zur Aufmunterung – ganz herzlichen Dank! Der Hometrainer macht Überstunden, und die Hände brauchen ganze Crèmetuben vom vielen Händewaschen.

Aber das wissen Sie ja längst alles, erleben es selbst. Ich setze es nur dahin, weil es zurzeit sonst nichts zu erzählen gibt, weil: Corona ist das dominierende Thema in diesem beginnenden Frühjahr 2020. Wird es eine Nachcoronazeit geben? Und wie wird die Welt dannzumal aussehen – und werde ich das noch erleben?

Im September 2020 leben wir noch immer in Coronazeiten und so rasch dürfte sich dies nicht ändern, fürchte ich.

Adolf Muschg im Klangmaschinenmuseum Dürnten

 

Die Lesung von Adolf Muschg Ende Januar 2020 im Klangmaschinenmuseum in Dürnten begeisterte mich. Eigentlich finde ich Lesungen von Autoren eher langweilig: Was sie lesen, lese ich lieber still und allein, was der Abend sonst bietet, ist meist eher banal: Die Vertreterin der organisierenden Institution, einer Bibliothek oder einer Kulturkommission, begrüsst den lesenden Gast, sagt etwas zu seiner Person, das meist allgemein bekannt ist, verweist auf den Büchertisch und den anschliessenden Apéro. Der Schriftsteller beantwortet oft recht lustlos pflichtschuldigst vorgetragene Fragen – und dann Weissweinglas zur Hand, Häppchen geschnappt, und der kulturelle Abend ist vorbei.

Diesmal war alles anders: Adolf Muschg zeigte sich begeistert vom Saal, in dem die Lesung stattfinden würde: Riesige und kleine Kirchweih- und Karussellorgeln standen da in grossartiger Farbenpracht rings im Saal des Klangmaschinenmuseums in Dürnten. So erzählte denn Adolf Muschg von seiner Kindheit, von der Begeisterung ob den Chilbiorgeln, und überhaupt: Dürnten und das Oberland! Sein Vater hätte viel vom Oberland erzählt, er habe einst im Oberland unterrichtet. Kein Wunder, dass der Funke zwischen dem gutgelaunten Schriftsteller und dem Publikum sofort übersprang.

Dann also die Lesung aus der «Heimkehr nach Fukushima». Schmunzelnd las der alte Mann. Immer wieder unterbrach er sich und erläuterte den Text: «Das habe ich nicht erfunden, das haben wir erlebt.» Oder: «Solche Puppen, solche Roboter werden bereits zur Altenpflege eingesetzt, sind billiger als Phillipinas.» «Das ist leider wahr: Junge Männer treffen sich zum gemeinsamen Selbstmord». An solchen Stellen wich das Schmunzeln dann einer tiefen, traurigen Ernsthaftigkeit. Kein Wunder, erinnert doch die Lektüre von «Heimkehr nach Fukushima» unweigerlich an Hiroshima, Nagasaki und Tschernobyl oder aktuellerweise eben auch an das Coronavirus, an Weltuntergangszenarien also. Und doch war der Leseabend geistreich und vergnüglich. 

Die Lesung war vorbei, man wechselte vom Hochdeutschen in die Mundart, und die Fragen an Muschg entlocktem diesem ausführliche, gehaltvolle Antworten. Wie er denn überhaupt zum ersten Mal nach Japan gekommen sei? Wegen Emil Brunner, dem reformierten Theologen, obwohl er, Muschg, selbst eher Barthianer sei, wenn überhaupt! Mein Leben, so sagte er, kenne wie in einer Ellipse zwei Brennpunkte, Zollikon und Japan. Und er erzählte von den Kulturunterschieden zwischen Japan und Europa, von den sehr unterschiedlichen Verhaltensweisen von Japanern und «uns». Man gehe aber nicht zu sehr ins Detail, denn seine japanische Frau sei auch da, und wenn sie ihn wirklich ärgern wolle, schimpfe sie: «Du Japankenner!»

Ganz am Schluss liess ein freundlicher Angestellter dann doch noch die riesige Orgel gewaltig scheppernd erklingen, vor der Adolf Muschg gelesen hatte. Fünfundachtzig Jahre alt ist er, ein gescheiter, wacher, noch immer neugieriger Zeitgenosse, ein wirklicher Citoyen! Chapeau, Monsieur Muschg! Und übrigens: Ein Besuch des Klangmaschinenmuseums in Dürnten lohnt sich unbedingt!

Über Literatur

Wieder einmal, wie schon vor etwa vier Jahren, landet das Gespräch unter uns Freunden beim Thema Literatur. «Hast Du als Student und im Berufsleben anderes als Fachliteratur gelesen?» «Eigentlich nicht.» Literatur dient der (gehobenen) Unterhaltung. Ich halte dagegen und erwähne den Roman Martin Salander, von dem ein befreundeter Historiker und guter Kenner des 19. Jahrhunderts mir sagte: «Wenn Du das Neunzehnte verstehen willst, lies den Keller!» «Da liest man doch besser ein historisches Sachbuch!» Auch mein Hinweis auf Josef Roths «Radetzkymarsch» hilft nicht weiter, obschon ich darauf bestehe, dass Passagen wie die folgenden die Zeit und die Gesellschaft des demnächst untergehenden Habsburgischen Kaiserreichs auf eindrückliche Weise beschreiben:

«Damals, vor dem grossen Krieg, … war es noch nicht gleichgültig, ob ein Mensch lebte oder starb. Wenn einer aus der Schar der Irdischen ausgelöscht wurde, trat nicht sofort ein anderer an seine Stelle, um den Toten vergessen zu machen, sondern eine Lücke blieb, wo er fehlte, und die nahen wie die fernen Zeugen des Untergangs verstummten, sooft sie diese Lücke sahen. Wenn das Feuer ein Haus aus der Häuserzeile der Strasse hinweggerafft hatte, blieb die Brandstätte noch lange leer. Denn die Maurer arbeiteten langsam und bedächtig, und die nächsten Nachbarn wie die zufällig vorbeikommenden erinnerten sich, wenn sie den leeren Platz erblickten, an die Gestalt und an die Mauern des verschwundenen Hauses. So war es damals! Alles, was wuchs, brauchte viel Zeit zum Wachsen; und alles, was unterging, brauchte lange Zeit, um vergessen zu werden.»

«Und es war, als trüge von nun ab auch jeder der überlebenden Offiziere das Merkmal eines nahen, gewaltsamen Todes in seinem Antlitz, und für die Kaufleute und Handwerker des Städtchens waren die fremden Herren noch fremder geworden. Wie unbegreifliche Anbeter einer fernen, grausamen Gottheit, deren buntverkleidete und prachtgeschmückte Opfertiere sie gleichzeitig waren, gingen die Offiziere umher. Man sah ihnen nach und schüttelte die Köpfe. Man bedauerte sie sogar. Sie haben viele Vorteile, sagten sich die Leute. Sie können mit Säbeln herumgehen und Frauen gefallen, und der Kaiser sorgt für sie persönlich, als wären sie seine Söhne. Aber eins, zwei, drei, hast du nicht gesehn, fügt einer dem andern eine Kränkung zu, und das muss mit rotem Blut abgewaschen werden! …» [Nachdem sich zwei duellierende Offiziere erschossen hatten.]

Dies spielt Wochen vor dem Ausbruch des ersten Weltkriegs. Roths Roman lässt mich die damalige Welt verstehen. Es war übrigens der eher den Sachbüchern zugeneigte Freund, der mir nach unserem Gespräch eine schöne Stellungnahme zum Roman, die er vor Jahren verfasst hatte, zukommen liess, und der mir einmal ein schönes Petrarca-Zitat zugestellt hatte:

«Gold, Silber, Edelsteine, purpurfarbene Gewänder, Häuser aus Marmor errichtet, gepflegte Landgüter, fromme Bildnisse, mit Schabracken geschmückte Streitrosse und andere Dinge dieser Art bieten wandelbare und oberflächliche Genüsse; Bücher aber machen Freude, die ins Mark trifft; sie sprechen zu uns, beraten sich mit uns, verbinden sich uns in lebendiger Intimität.»

Worauf ich mit Umberto Eco antwortete:

„In jedem Fall werden wir nicht darauf verzichten, literarische Fiktionen zu lesen, denn sie sind es, in denen wir nach einer Formel suchen, die unserem Leben einen Sinn gibt.“ [Eco: „Im Wald der Fiktionen“]

Man sieht, so ganz der Literatur abgeneigt ist der Freund auch nicht. Wir haben übrigens nicht nur über Martin Salander und den Radetzkymarsch diskutiert, sondern auch über zwei schmale Bücher von Annie Ernaux: «Die Jahre» und «Eine Frau». Dazu schrieb mein Freund: Das ist «Literatur, die ich verstehe und schätze. Dies hat mit meiner Erfahrung zu tun, dass ich ‘Literatur’ z. B. Werke von Nobelpreisträger/innen, kaum je verstehe.» Na! Lieber Freund!!

Ob ich so weit gehen darf, Sachbücher der Kategorie «Klugheit», Literatur jener der «Weisheit» zuzuteilen? Als Illustration: Der Philosoph Ludwig Wittgenstein hat sich begeistert über den Grünen Heinrich Kellers geäussert und andernorts festgestellt: «Freud was clever, Wisdom is something I never would expect from Freud.» Er selbst fürchtete, er gehöre wohl auch «nur» zur Klasse der Klugen.

Oder, weit weniger pompös und wie schon einmal hier zitiert (Dezember 2010):

Den letzten Abend im Rahmen der Ringvorlesung „Recht und Literatur: Fechtschulen und phantastische Gärten“ bestritt Frau Limbach, die ehemalige Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts. Unter dem Titel „Recht und Poesie“ zitierte sie Conrad Ferdinand Meyers Ballade „Die Füsse im Feuer“. Denn, so sagte sie: „Wir lesen unseren Kindern Balladen vor und nicht Gesetzestexte, um sie zu erziehen.“ „Wild zuckt ein Blitz. In fahlem Lichte steht ein Turm.“ …