Es ist montag, der 31. mai 2021

Eine mönchsgrasmücke, buchfinken, ein hausrotschwanz singen und bussarde rufen.

Eine krähe verjagt einen rotmilan. Etwas später kehrt sie, irgendwie selbstsicher, zurück.

Ein esel und rinder schreien; und da ist unermüdlich die grille.

Von ferne rauscht leise die autobahn; smartphones, fernseher und radio müssen schweigen.

Verspätete Lektüre mit erschreckender Aktualität

Manchmal wundere ich mich schon über mich. Ein Leben lang lese ich und lese und lese. Schon 1963, an der Mittelschule, vergrub ich mich in Prousts Recherche. Aber Hannah Arendts «Eichmann in Jerusalem» öffnete ich erst, nachdem ich dieses Jahr Hildegard Kellers «Was wir scheinen» gelesen hatte, diesen feinen Roman über Hannah Arendts Leben. Darin wird natürlich der «Shitstorm», wie wir heute sagen würden, geschildert, der sich nach der Publikation des Buches 1963 über Hannah Arendt ergoss.

Der Prozess gegen Eichmann fand 1961 in Jerusalem statt, nachdem die Israeli Eichmann in Argentinien festgenommen hatten. Hannah Arendt, die Jüdin aus Hannover, 1933 nach Frankreich und dann in die USA geflüchtet, nun amerikanische Staatsbürgerin, verfolgte den Prozess als Journalistin. Ihre Berichte an US-Zeitungen verarbeitete sie schliesslich in das Buch, das so schrecklich viel Staub, vor allem auf jüdischer Seite, aufwirbelte.

Es war vor allem ihre Schilderung der Rolle von jüdischen Organisationen und der Judenräte, welche die wütenden Proteste auslöste. Auch ich unterschätzte bisher die Ausmasse der «Hilfestellungen» von jüdischer Seite gegenüber den Nazis. Ohne sie wäre ein rascher Abtransport so vieler Menschen in die Gaskammern nicht möglich gewesen. Arendt analysiert aber sehr exakt die Motive und Hintergründe dieser Handlungen.

Ich kannte natürlich längst das Wort von der «Banalität des Bösen»; ich realisiere aber erst heute, dass Arendt den Untertitel ihres Buches später sehr bedauerte, weil er ihre sorgfältigen Analysen darüber, weshalb so viele Menschen dem «Bösen» so unbewegt und zuverlässig oder gar begeistert zudienen konnten, eher verschleierte als sie im Kern erfasste.

Im Detail nachzulesen, was schon in den Sechziger Jahren alles über «die Endlösung» bekannt war, wie Deutsche, wie jüdische Deutsche und jüdische Westeuropäer, wie Ostjuden, wie jüdische Organisationen im Reich und im Osten empfanden, dachten und handelten, das ist beinahe unerträglich.

Westdeutschland unter Adenauer und Israel unter Ben Gurion machen in Arendts Wahrnehmung eine überaus schlechte Figur. Und die Probleme im Nahen Osten, die heute wieder so kriegerisch aktuell sind, analysiert Arendt schon 1963 aus heutiger Sicht recht prophetisch. Ich lese eine Ausgabe der Penguin Classics aus dem Jahr 2006 mit einem gescheiten und sehr lesenswerten Nachwort von Amos Elon.

Der rückzug ins private hält an

Das virus bestimmt noch immer weitgehend unser leben. Wissen wir noch wie «ausgang» geht, wie es sich anfühlt, in einer fröhlichen menschenmenge in Zürich an der seepromenade zu spazieren, kennen wir noch die ausgelassenheit eines rummelplatzes, etwa am knabenschiessen? Nein! Sogar der Sechseläuten-böögg soll im versteckten der Schöllenenschlucht entzündet werden. Alles zieht sich zurück, flieht ins private.

Worüber soll denn hier überhaupt noch berichtet werden?

Über unseren vierundfünfzigsten hochzeitstag? Wer interessiert sich denn für so etwas? Für ein privates fest zu zweit mit festessen aus dem take away mit fünfzehn Gault-Millau punkten? [Beim abholen habe ich beinahe die maske vergessen!]

Ich suche wie so oft zuflucht in der literatur, und man teilt mir (in der heutigen NZZ) mit: Genau heute vor genau hundert jahren kam Charles Baudelaire zur welt. Reisen wir doch mit ihm nach Paris. In seinen TABLEAUX PARISIENS in den FLEURS DU MAL lesen wir, und das tröstet uns nun kaum:

«Un cygne qui s’était évadé de sa cage
Et, de ses pieds palmés frottant le pavé sec,
Sur le sol raboteux traînait son grand plumage.
Près d’un ruisseau sans eau la bête ouvrant le bec

Baignait nerveusement ses ailes dans la poudre,
Et disait, le cœur plein de son lac natal :
« Eau, quand donc pleuvras-tu ? Quand tonneras-tu, foudre ?
Je vois ce malheureux, mythe étrange et fatal,

Vers le ciel quelquefois, comme l’homme d’Ovide,
Vers le ciel ironique et cruellement bleu,
Sur son cou convulsif tendant sa tête avide,
Comme s’il adressait des reproches à Dieu. »

So, wie ich heute in pandemiezeiten nicht von einem strahlenden Paris träumen kann, so leidet auch Baudelaire an seinem von Haussmann arg umgebauten Paris.

Künstler oder künstliche intelligenz?

Unter der fragestellung «Übertrifft die künstliche Intelligenz den Schriftsteller?» berichtet Paul Jandl in der NZZ vom 11. februar 2021 über die rede von Daniel Kehlmann «Mein Algorithmus und ich». Es geht um folgendes experiment: Kehlmann oder der algorithmus beginnen eine geschichte. Der andere fährt fort. Und so geht es im wechsel immer weiter. Kehlmann, dessen roman «Die Vermessung der Welt» ich sehr schätze, attestiert dem algorithmus, er sei ein meister des wirkungsvollen anfangs. Kehlmanns selbstversuch mit künstlicher intelligenz scheitert auf interessantem niveau, schreibt Jandl.

Mich erinnert dies an eine episode vor einigen jahrzehnten. Ein mathematiklehrer erzählte mir, wir sassen vor dem schachbrett, bereit für eine partie, er habe in einer projektwoche mit seiner klasse ein computerprogramm entwickelt, welches gedichte schreibe. Das ergebnis sei sehr interessant gewesen. Vor allem aber hätten seine schüler wohl nie so intensiv mathematik betrieben wie in dieser woche. Ob er solch interessante projekte nun des öftern in den unterricht einflechten werde, fragte ich ihn. Da wehrte er entsetzt ab. Er habe dafür doch keine zeit, schliesslich müsse er «seinen stoff» behandeln. [1. c2 – c4] Ach, die schule! Da gibt es neben dem schulweg soviel interessantes zu sehen und zu erleben, aber es geht schnell geradeaus in den unterricht zur stoffbehandlung. Seneca: «Nicht für das leben, sondern für die schule lernen wir.» [Ich weiss übrigens nicht mehr, wer die seinerzeitige schachpartie gewann. Kehlmann hingegen bleibt diesmal sieger.]

Corona, schnee und lektüre

Der januar 2021 erholte sich noch überhaupt nicht von Corona, die pandemie bestimmte nach wie vor unser leben. Da waren lichtblicke und freuden gesucht – und gefunden: So viel schnee war in Dürnten schon lange nicht mehr:

So viel freude an der weissen pracht!

Natürlich galt nach wie vor «Restez à la maison!» und so genoss ich denn meine lektüre, stunden- und tagelang:

Dorothee Elmiger: Aus der Zuckerfabrik

Die in Wetzikon geborene Dorothee Elmiger berichtet über ihre langen, ausufernden recherchen zu einem eigentlich nicht ersichtlichen thema. In vielen teilen des buches geht es um zucker, um zuckerrohr, um kolonialismus und rassismus, vielleicht auch um das thema «die Schweiz und die welt» etwa bei den nachforschungen zum lottomillionär Buri. Hier zeigt sich: Die wahrheit lässt sich nicht finden, fakt und fiktion sind untrennbar ineinander verschlungen – dies ist wohl eines der tiefsten motive des buches. Die recherchenberichte sind oft sehr kurz, nur einen oder zwei bis drei sätze lang. Und doch entwickelt sich ein sog, der mich nicht mehr losliess bis zum ende, wohl immer auf der suche nach erleuchtung: Was soll das alles? Aber Dorothee erlöst einen nicht!

In erinnerung haften bleiben mir die passagen über Max Frisch in Montauk. Ich wusste gar nicht, dass Montauk ein geografischer begriff und der name eines indianervolkes ist. Erst WIKIPEDIA half da weiter, wie so oft in diesem buch!

Andere passagen betreffen Theresa von Avila, die ich auch nicht kannte, und die Pius XII 1944 zur patronin der schachspieler erhob. [Wen soll sie da beschützen? Die führer der weissen oder jene der schwarzen steine? Oder einfach die verlierer trösten?] Flora Tristan kannte ich nicht, und auch der nationalheld Haïtis, Toussaint Louverture, begegnet mir bei Elmiger zum ersten mal. Zwar mag Tingler recht haben, der im SRF-literaturklub das buch vernichtend aburteilte als schlecht verarbeitetes sammelsurium von angelesenem wissen, aber mich hat es unterhalten und auf angenehmste weise belehrt.

Arnold Esch: Von Rom bis an die Ränder der Welt

Ein zitat, das den kern des buches präzise formuliert, seite 138: «Die freude, der geschichte in freier landschaft nachzugehen». Im kapitel «Mit dem inschriftenausmeissler unterwegs» finde ich: «60 meilen ab Augsburg oder 89 km: das ist nur 10 km länger als die Luftlinie und zeigt die unbeirrbare geradlinigkeit römischer strassen – der Geta-ausmeissler sah nicht nur seinen nächsten stein, sondern auch schon den übernächsten.» Besonders begeisterte mich natürlich das erste kapitel: «Historische landschaft Burgund», da geht es um die Burgunder, also die Nibelungen, um Bibracte und Cäsar, um Alesia und Tournus, Auxerre und natürlich auch Verdun, alles orte und namen, denen wir in unseren fast jährlichen reisen nach Frankreich ständig begegnen, und denen ich nun in anderem, historischem zusammenhang begegne.

Die beschreibung der wanderung entlang der Via Valeria zwang mich, in die Italienkarte zu schauen, doch fand ich nicht alle ortsangaben. Immerhin. Es zeigte sich, dass wir in den ferien in Tortoretto Lido und Pescara ganz in der nähe gewesen waren. [So war ich denn auch entsetzt, lesen zu müssen, dass auf der passhöhe des Septimers römische spuren zu sehen wären, was ich seinerzeit nicht gewusst hatte, als ich mit der klasse von Bivio nach Vicosoprano wanderte. Schande über den jungen lehrer – na, die schüler hätte es wohl nicht wirklich interessiert.] Das kapitel zum passverkehr über die Alpen faszinierte mich als nichthistoriker vor allem quellentechnisch: was Esch da aus alltäglichen notizen und tabellen herausliest, wie sorgfältig er damit umgeht, das beeindruckt mich sehr.

Ganz am schluss dann die Transsibirische Eisenbahn unmittelbar nach dem zusammenbruch der Sowjetunion. Das muss ich ein zweites mal mit einer karte in der hand nachlesen, denn in dieser gegend war ich noch nie. Bhutan ist halt nicht die Mongolei. [Esch arbeitet übrigens öfters mit hinweisen auf Google Earth oder mit genauen ortsangaben (anzahl grad, minuten und sekunden nord und ost etc.) Die bemerkung, wenn man Egon Erwin Kischs reportagen aus den jahren 1925/26 gleichzeitig mit Solschenizyns GULAG lese, werde einem schwindlig, rief mir meine seinerzeitige GULAG-lektüre in erinnerung. Aber wo sind die bücher?

In den anmerkungen stelle ich fest, dass Esch in Bern und Zürich gelesen hat. [Mein Freund Heini Müller wird ihn also gut kennen, denke ich.] Der klappentext erwähnt viel lieber seine arbeit in Rom, unter anderem bei der päpstlichen akademie für archäologie. Logo!!