Für einmal ein bisschen Politik

Im April hatten wir die Ausstellung Swissness im Berner Käfigturm, einem ehemaligen Gefängnis, besucht. Swissness: Ist auch Schweiz drin, wenn Schweiz drauf steht? Seitdem sind wir auf den Newsletter des Käfigturms abonniert. Darin fanden wir den Hinweis auf eine Vortragsreihe „Freiheit und Frieden – 20 Jahre Deutsche Einheit“. Bern ist nur noch knappe zwei Stunden Bahnfahrt vom Eschberg entfernt. Also fuhr ich am 1. November nach Bern. Der Vortrag musste wegen des grossen Andrangs vom Käfigturm an die Uni verlegt werden. Es sprach Joachim Gauck über „Zwischen Furcht und Neigung. Die Deutschen und die Freiheit.“ Andreas Schilter, Leiter des Politforums des Bundes, führte den Referenten ein, der vor wenigen Monaten in der Wahl zum Deutschen Bundespräsidenten knapp unterlegen war. Schade, denke ich nun nach dem Referat: Dieser Ossi hätte Deutschland gut getan. Er wirkte ausserordentlich sympathisch, war ehedem evangelischer Pfarrer in der DDR gewesen – den Pfarrer merkte man ihm gegen den Schluss seines Referates deutlich an – und hatte von Weizsäcker den Auftrag erhalten, die Stasiakten aufzuarbeiten, was er zehn Jahre lang getan hat. Aus dem Referat:

Wir im Osten haben Jahre und Jahre von der Freiheit geträumt und sie idealisiert. Und als wir sie dann hatten, merkten viele, dass mit Freiheit auch Verantwortung verbunden ist. Es ist eben anstrengend, frei zu sein. Friedrich Schiller: Die schönsten Träume von Freiheit werden im Kerker geträumt.

Die Ratio hat eine fatale Neigung zu Sicherheit, weshalb denn die Anpassung an ein totalitäres System gar nicht so seltsam ist, sondern eigentlich der logische Normalfall.

Wir lebten Jahrzehnte in der DDR in einem absolutistischen Staat: Knie nieder, und du wirst erhoben werden.

Gauck’s Vater sagte, wie Viele heutzutage: Es war aber nicht alles so schlecht. Was war denn nicht so schlecht, fragt der Sohn und widerlegt den Vater Punkt für Punkt, was dieser zähneknirschend zugestehen muss: doch, es war schlecht! Gauck’s Vater war im Widerstand, und doch ist er jetzt über den Sohn zornig, weil ihm dieser fünfzig Jahre seines Lebens als wertlos hinstellt. – Mein Vater pflegte mir als Knaben darzulegen, wie Offiziere und Behörden sich im Zweiten Weltkrieg verhalten hätten: Die Reichen flohen in die Innerschweiz, meine Familie lebte ungeschützt in Dietikon, ich war als Kanonier im Réduit, die Züge donnerten mit Kriegsmaterial von Deutschland nach Italien durch den Gotthard, und an der Grenze wurden Juden in den Tod geschickt. Er fluchte und schimpfte! Als alter Mann sagte er: Wir haben das Vaterland verteidigt. Als der Bergier Bericht erschien, ging es meinem Vater wie Vater Gauck: Jahren seines Lebens wurde der Wert aberkannt!

Joachim Gauck: Winter im Sommer – Frühling im Herbst. Siedler Verlag. 2009. 352 Seiten

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