gross, klein, gemässigt oder neu

Mein freund erzählt mir begeistert von seinem neuen handy. Nun müsse er ihm allerdings erst mühsam die kleinschreibung beibringen. Immer greife das korrekturprogramm ein. Aber mit der zeit werde sich das dann schon ergeben. [Das korrekturprogramm könne man doch ausschalten, wandte ich ein. Aber als ich das für diesen text versuchte, brauchte ich schon mehrere anläufe, bevor ich das richtige häkchen löschen konnte.] Nun erinnerte ich mich plötzlich an längst vergessenes: Als mittelschüler trat ich dem Bund für vereinfachte rechtschreibung bei, der sich für die gemässigte kleinschreibung einsetzte, und den es immer noch gibt, der sogar eine topaktuelle homepage führt. Als präsident einer lehrerkonferenz gab ich anfangs der siebzigerjahre das mitteilungsblatt der konferenz in gemässigter kleinschreibung heraus: Nur satzanfänge und eigennamen wurden gross geschrieben. Wie gesagt, ich hatte das vergessen, doch fällt mir nun ein, dass sich der damalige erziehungsdirektor, herr Gilgen, darüber sehr geärgert hatte, das sei dummes zeug! Das hauptargument gegen die kleinschreibung lautete damals, deutsche texte würden dadurch schwieriger lesbar und in einigen fällen sogar missverständlich. Ich gehe davon aus, dass man bei einiger übung texte in gemässigter kleinschreibung mühelos wird lesen können. [Übrigens: wie geht es Ihnen bei diesem text hier?] Es ist wie mit mundarttexten. Wer zum ersten mal eine kolumne von Pedro Lenz liest, wird mühe haben – vor allem als nichtberner. Es hilft schon, Lenz einmal gehört zu haben, wie er seine geschichten liest. Mit seinem tonfall, seinem sprachrhythmus im ohr fällt dann die lektüre wesentlich leichter.

Gegen ende des letzten jahrhunderts gab es ja dann tatsächlich eine rechtschreibreform, die neue rechtschreibung, die allerdings die fälle von grossschreibung massiv erhöhte. Heute beobachte ich mich dabei, wie ich selbst in SMS und emails substantive mühsam gross schreibe, obschon ich täglich mails lese, die ohne jede majuskel auskommen. In erinnerung an mich als junger lehrer, der von seinen schülern natürlich die geltende orrtografie einforderte, werde ich von nun an allerdings meine mails in kleinchreibung abfassen.

Es gab damals übrigens noch etwas, was längst verschwunden ist wie die gemässigte kleinschreibung – die sich allerdings nie etablieren konnte – nämlich die stenografie. Wir mittelschüler unterrichteten die jüngeren jahrgänge in dieser kunst der kurzschrift, welche durch moderne technik so überflüssig geworden ist wie demnächst wohl auch die handschrift.

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