Der König rief, man solle allen Verrätern den Kopf abschlagen

Wir sitzen im Schauspielhaus in einer Aufführung von Richard III. von William Shakespeare. Bald verliere ich die Übersicht über all die Lords and Ladies, die Geköpften, Erhängten und Vergifteten. Ich weiss: Ein Shakespeare-Stück ist dann fertig, wenn alle tot sind. Aber wer hat nun wen weshalb umgebracht in diesen Rosenkriegen? Während der Heimfahrt erinnere ich mich daran, dass in meinem Büchergestell ein Taschenbuch steht mit der Zeichnung eines dicken Wanstes vorne drauf. In der Tat: Fallstaff schaut den Leser grimmig an! Urs Widmer erzählt alle Stücke Shakespeares von ‚Troilus und Cressida’ über ‚Coriolanus’ und ‚König Richard II.’ bis eben zu ‚Richard III.’ und ‚König Johann’ und alle Heinriche und Cleopatra … Ist das ein Morden und Abschlachten in endlosen Thronstreitereien und Kriegen! Good old Europe! Gute alte Zeit?! Kalt war es in dieser vergangenen Welt, kalt und nass und trist und lebensgefährlich.
Und so dichtete denn auch Matthias Claudius:

`s ist Krieg! `s ist Krieg! O Gottes Engel wehre,
Und rede du darein!
`s ist leider Krieg – und ich begehre
Nicht schuld daran zu sein!

Zum Glück sind das ja längst untergegangene Welten, das Altertum und das graue, grausame, dunkle Mittelalter. Was kümmern uns Heutige Shakespeares Könige und das Jammern von Matthias Claudius? Im Tages-Anzeiger Online vom 9. Juni 2012 lese ich:

«Sie haben nichts im Dorf am Leben gelassen»
„Bei ihrem Besuch am Ort des jüngsten Massakers in Syrien haben die Beobachter der Vereinten Nationen ein Bild des Schreckens vorgefunden. In dem Dorf Al-Kubeir, wo syrische Regierungstruppen und Milizen nach Oppositionsangaben am Mittwoch dutzende Menschen getötet haben sollen, hätten sie blutige Hauswände gesehen und «einen starken Geruch von verbranntem Fleisch» wahrgenommen, teilte die UNO am späten Freitag in New York mit. Über die tatsächliche Zahl der Opfer könnten noch keine Angaben gemacht werden.“

Die heutigen tatsächlichen Grausamkeiten übertreffen bei weitem alle Gewaltphantasien – selbst ein Shakespeare verblasst dagegen.

Was hülf mir Kron und Land und Gold und Ehre?
Die könnten mich nicht freun!
`s ist leider Krieg – und ich begehre
Nicht schuld daran zu sein!

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