Tage des Lesens

Umberto Eco: Die Bücher stehen da im Bücherregal – stumm? Nein: Sie reden miteinander. Sehen Sie nur:

Ich beende die Lektüre des Krimis von Petros Markaris „Faule Kredite“. Und stelle diesen Markaris nun zurück ins Regal. Neben ihm steht Kurt Marti „Im Sternzeichen des Esels“. Nanu? Was ist denn das? Erinnere mich gar nicht, schlage das Buch auf:

„Ein Engel war für René Char ‚die Kerze, die sich krümmt, im Norden des Herzens’. Wie das deuten? ‚Lern solche Definitionen auswendig’, rät Peter Handke, „sie ersparen das Gerede.“ [S.175] [Kurt Marti: Im Sternzeichen des Esels. Nagel & Kimche.1995]

Neben meinem Computer liegt Handkes „Gestern unterwegs“, worin ich immer wieder einige Sätze lese. Darin ist viel von Spazieren, von Spatzen, aber auch von Engeln, vor allem romanischen und gotischen die Rede. Handke, dieser grossartige Liebhaber des Mittelalters! [Peter Handke: Gestern unterwegs. Suhrkamp. 2007]

Zurzeit lese ich, wie alle Leseratten, Urs Widmers fantastische Autobiographie „Reise an den Rand des Universums“. Obschon Widmer etwas älter ist als ich, erkenne ich in seinen Anekdoten und Beschreibungen von Menschen, Landschaften und Städten meine Welt der Jugendzeit. Sein Paris ist auch ein bisschen mein Paris, sein Puschlav ist mein Bergell – nur bei der Basler Fasnacht kann ich als Limmattaler und Dürntner natürlich nicht mithalten.

Über seine Zeit in Paris schreibt er [S.275]: „Ich fühlte mich am richtigen Ort und vom Schicksal ausgezeichnet. Dabei verbrachte ich jene Zeit, nüchtern betrachtet, ziemlich einsam. … Mag ja sein, dass es an mir lag. Aber alle Einheimischen fegten so selbstgewiss auf ihren Umlaufbahnen, dass es eines Planeten von anderer Kraft als meiner bedurft hätte, sie vom Kurs abzubringen. Sie waren freundlich, höflich, liebenswürdig, heiter gar: Schon im Weitergehen hatten sie mich vergessen. Ich ging gern zum Zahnarzt, weil ich da einen hatte, mit dem ich, und sei’s mit dem Bohrer im Maul, ein paar Worte wechseln konnte.“

Diese Zahnarzt-Stelle erinnerte mich unmittelbar und heftig daran, dass ich das schon einmal gelesen hatte: Schon einmal fühlte sich jemand in Paris völlig einsam. Nein, nicht ich, sondern die weibliche Figur in Rothmanns Erzählung „Abschied von Montparnasse“, wo es heisst:

„… mein Gott, Paris … Diese verbrauchte Schönheit. Dieser Glanz von gestern. Nicht einen Menschen hatte sie kennen gelernt in dem Jahr, von irgendwelchen Juristen oder Geschäftsleuten abgesehen. Nicht ein einziges Mal war sie eingeladen worden von den französischen Kollegen, die junge, zunächst etwas hilflose Deutsche; mit kaum einem hatte sie gesprochen, ausserhalb der Bürozeiten …“ [Ralf Rothmann: Shakespeares Hühner. Suhrkamp. 2012]

Eco hat recht! Da flüstern alle Bücher miteinander – aber nur selten hören wir es, nur selten hören wir zu.

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