Das isch de Glu!

Unsere Nachbarn fahren für ein paar Tage in die Ferien. Wir hüten ihre Hühner und wir singen vor uns hin

Muesch de Hüener Zyt vertriebe, tra la la la laa

Die Zeit vertreiben sie sich schon selbst. Aber füttern und den Stall misten und morgens Türchen auf und abends Türchen zu, das bleibt uns, genauer gesagt Karin, meiner Frau, vorbehalten und erinnert mich an meine Grossmutter, die immer vor fünf Uhr abends zu Hause sein musste, denn

i muess de Hüener ie tue.

Eine Henne sei «gluggerig», sagte der Nachbar. Wir erzählten davon einer etwa gleichaltrigen Freundin aus dem Säuliamt, aufgewachsen auf einem Bauernhof und selber Besitzerin von Hühnern. Sie kannte den Ausdruck «gluggerig» nicht. Nun, was eine «Gluggere» ist, das wissen wir so ungefähr, nämlich eine Mutter, die Mühe hat, ihre Kinder erwachsen werden zu lassen. Aber ganz genau – wir sind unsicher und konsultieren das Zürichdeutsche Wörterbuch [der Nachbar stammt aus Wald].

«gluggerig: brütig, zum Ausbrüten der Eier bereit.
Gluggere: Gluckhenne, Bruthenne. Wänn e Gluggere zum Güggel chund, so vergisst sie d Hüenli.
Gluggere: Mutter mit vielen Kindern, Kindertante
Gluggere: Buschwindröschen, Guggerblueme
gluggere: glucken, Ruf der Henne beim Brüten»

Die Gluckhenne und das Verb glucken kannte ich überhaupt nicht.

So eine Seite im Zürichdeutschen Wörterbuch ist wirklich spannend. Wussten Sie, was «Glungg» ist? Das sind die essbaren Eingeweide beim Schlachtvieh, etwa Lunge, Herz, Leber. Und eine «Glungge» ist eine nachlässige Frau. Ein «Glüüssler» dagegen ein heimtückisch Lauernder.

Natürlich ist auch durchaus Bekanntes aufgeführt, etwa «gmäggelig», also faulig riechend. Oder «Gmächt», die Genitalien des Mannes.

Man kann wohl irgendeine Seite des Wörterbuchs aufschlagen und findet Interessantes. Beispielsweise die Seite von «präschthaft», gebrechlich, schadhaft, bis

«Proleet»: Grosssprecher, Prahler (Rückbildung aus ‚Proletarier‘, entlehnt (18.Jh.) aus lat. proletarius, Bürger der untersten Klasse, zu lat. proles ‚Nachkomme‘. Das lateinische Wort bezeichnete den Bürger, der dem Staat nur mit seiner Nachkommenschaft zu dienen vermochte.)

«präschtiere: D Muetter chas ooni Hülff nüd präschtiere»
«prelaagge: prahlen, grosse Worte machen» [Was prelaagged de Trump ächt hüt?]
«pring»: Es prings Püürschtli.

Und ich lerne schliesslich, dass das Protokoll im Zürichdeutschen «Prodikoll» oder «Protikoll» genannt werden will.

Will mer Müe gèè!

Heinz Gallmann: Zürichdeutsches Wörterbuch. Verlag Neue Zürcher Zeitung. 2009. Zürich

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