Kreuzfahrt auf der Donau

Wir planten und buchten eine Flussschifffahrt auf der Donau von Passau bis ans Schwarze Meer, vom 31. August bis 14. September 2019. Vor sechs Jahren hatten wir bereits eine Gourmet-Reise von Passau bis Bratislava und zurück sehr genossen.
So fuhren wir denn am Samstag, 31. August, im Alfa nach Wil SG und bestiegen dort den Twerenboldbus, der uns nach Passau brachte. Die Kabine 328, etwas weit hinten auf dem Oberdeck, wo also der Schiffsmotor durchaus zu hören war, was uns aber nicht störte, war schnell eingerichtet, das Schiff legte ab, und wir genossen ein erstes Abendessen. Uns war Tisch 15 zugewiesen worden. Da sassen bereits zwei Paare, Helga und Manfred aus Frankfurt am Fenster und Luzia und Christian am andern Tischende. Wir begrüssten die vier und quetschten uns in die Mitte des Sechsertisches. Nach einigen Tagen waren wir dann nur noch zu viert, doch davon später mehr. In der Nacht durchfuhren wir bereits die eine oder andere Schleuse.

 

Und am nächsten Morgen waren wir bereits in Wien, genossen eine ausführliche Stadtbesichtigung und abends ein hübsches Salonkonzert voller Strauss und Lehar und Soupé, dies alles kommentiert von einem intelligenten und launigen Führer, den wir später in Dürnstein wieder antrafen.

Tags darauf begeisterte uns wieder die Wachau mit ihren Rebhängen, Dörfern und Burgruinen. Auf der Rückfahrt hatten wir dann noch mehr Musse, diese Landschaft in vollen Zügen zu geniessen.

Hier handelt es sich allerdings nicht um die Ruine in Dürnstein, in der Richard Löwenherz gefangen gehalten worden war. Dürnstein besuchten wir dann auf der Rückfahrt. Weiter ging es indessen Richtung Budapest, vorbei an der Kirche in Esztergom.

Die Stadtrundfahrt präsentierte uns natürlich das weltweit bekannte Parlamentsgebäude, das in der Nacht fast noch eindrücklicher wirkt. Doch davon später mehr. Und natürlich stiegen wir auf die Fischerbastei (1895 – 1902 in Erinnerung an die mittelalterliche Fischergilde erbaut) und den Burgberg mit fantastischer Aussicht.

Die angedrohte, frühmorgendliche Passkontrolle an der ungarischen Schengengrenze nach Kroatien findet zum Glück nicht statt. Kroatien ist zwar EU- und NATO-Mitglied, aber liegt nicht im Schengenraum! Tage später sollten wir dann ein solches Prozedere erleben dürfen. Das Wetter hat umgeschlagen, es ist bewölkt und dank des Fahrtwindes sehr kalt. Dennoch bleiben wir lange auf Deck, sehen viele Reiher, Kormorane, Enten, Möwen, Schwalben und einige wenige Seeadler. Sie stehen im Sand. Einer fliegt gerade auf, und ich sehe im Feldstecher seine weissen Schwanzfedern glänzen. Gegen Mittag legen wir in Vukovar an. Der nachmittägliche Ausflug in den Naturpark Kopački rit zeigt uns von einem Touristenbötchen aus Silber- und Graureiher, Kormorane, Enten und Möwen in grosser Zahl und einige Eisvögel und Seeadler. Zudem sehr viele Biberschäden. Kopački rit ist das grösste, naturbelassene Sumpfgebiet in Mitteleuropa. Die anschliessende Besichtigung von Osijek stimmt sehr nachdenklich und traurig. Viele Häuser zeigen noch massive Spuren des Jugoslawienkriegs von 1991 – 95. Ein Führer in Novi Sad, eine Führerin in Vukovar und eine in Osijek und Ilok erzählten von Kriegen und deren Folgen. Die Führerin in Osijek (und tags darauf in Ilok) war sehr jung, hatte den Krieg nicht selbst erlebt und berichtete distanziert und sachlich darüber. Ob korrekt oder doch einseitig kroatisch kann ich nicht beurteilen. Der Staat Kroatien hilft den Betroffenen beim Wiederaufbau ihrer zerstörten Häuser, aber nicht mit Geld, sondern mit Baumaterialien.

Im ehemaligen Kloster von Osijek. Hier gab’s den ersten Slivovic unserer Reise.
Am Abend sollten wir nach Belgrad weiterfahren, doch «die Backbordmaschine liess sich nicht starten», erklärte der Kapitän. Er versuchte mit nur einer Maschine nach Belgrad zu fahren, doch das misslang: Wir steckten in Vukovar fest. Deshalb fuhren wir nun, am Mittwoch, dem 4. September, in Bussen nach Novi Sad, was wegen der Grenze bei Ilok lange dauerte – Novi Sad liegt in Serbien, Vukovar in Kroatien. An der Grenze mussten alle aussteigen, mit dem Pass in Händen an einem Kabäuschen in Einerkolonne vorbeiziehen. Der Pass wurde gescannt, abgestempelt, und es wurde geprüft, ob Passfoto und Gesicht des Passträgers übereinstimmten. Das dauerte! Unterdessen fuhren fröhlich Kroaten in Privatautos nach Serbien und Serben nach Kroatien.

Der Grenzübergang bei Ilok samt herunter gekommenem Toilettenhäuschen

Die Festung von Novi Sad vom Bus aus, eine orthodoxe Kirche in Novi Sad und ein zerstörter Brückenpfeiler in der Donau – „doch davon später mehr“ (zitiert nach Robert Walser in seinem Räuberroman). Unser Führer lebt in Belgrad, ist Serbe, und das spürt man deutlich an seinen Erklärungen. «Der dumme Krieg, der unnötige Krieg, die Bomben der Nato.» Kein Wort über den Kriegsverbrecher Milosevic. In der Kirche erklärt er dafür ausführlich und durchaus kompetent den Unterschied zwischen Katholizismus und Orthodoxie. Serbien, so sagte er schliesslich, sei seit dem Handelskrieg zwischen den USA und Russland zum grössten Exporteur von Pflaumen in jeder denkbaren Form und Himbeeren geworden. Bei der Rückfahrt im Bus nach Vukovar wurden unsere Pässe eingezogen, es stieg die serbische Polizei in den Bus, schaute in unsere Pässe und tief in unsere Augen, und eigentlich hätten wir nun fahren können. Doch es stand der Schichtwechsel bevor, der musste abgewartet werden, was wieder fast eine halbe Stunde dauerte.
Da unser Schiff noch immer still in Vukovar lag, fuhren wir anderntags wieder im Bus weg, aber diesmal bloss bis Ilok, wo wir ein Weingut besichtigten und fünf kroatische Weine degustierten. Anschliessend führte uns eine gut sechzig jährige Frau durch Vukovar, das noch immer deutliche Spuren des Krieges aufweist. «Denn bei uns ist alles korrupt», sagte sie. Und bezeichnete nicht nur den Serben Milosevic als «Gauner», sondern auch den Bosnier Izetbegović und den Kroaten Franjo Tuđman, erster kroatischer Staatspräsident. Alle drei Gauner hätten schlimme Fehler gemacht.

Die Skyline von Vukovar, die sich uns allen auf dem Schiff wohl eingebrannt haben dürfte, die Büste von Franjo Tuđman und – laut Führerin – das meist fotografierte Haus Vukovars. Ein Privatmann lässt es als Mahnmal so stehen und sorgt für Blumen!
Freitag, 6. September. Das Schiff, die Excellence Baroness, fährt noch immer nicht! Es bricht Panik aus, könnte man sagen. Das Reisebüro Mittelthurgau bezahlt jenen, die nach Hause möchten – denn das Donaudelta können wir auf keinen Fall mehr erreichen – den Rückflug von Belgrad nach Zürich. Bezahlt werden müssten nur die Tage bis und mit 6.9.19. Gut dreissig Gäste machen davon Gebrauch, auch Luzia und Christian, sodass wir fortan gemütlich zu viert am Sechsertisch speisen. Denn wir bleiben. Es werde uns die Hälfte der bereits einbezahlten Reisekosten erlassen. Wir geniessen einen sonnigen Tag an Deck.

Anderntags, am Samstag, dem 7. September, geben die Schiffsmotoren frühmorgens ein Lebenszeichen. Doch den ganzen Vormittag macht sich wieder einmal die Polizei auf dem Schiff breit, sodass wir erst gegen Mittag losfahren können – unter Applaus der «treuen, tapferen Kundschaft». Diesmal sehen wir nun auf dem Weg nach Belgrad Novi Sad vom Schiff aus, sehen die Reste der von der Nato 1999 zerstörten Brücken. Das erfolgreiche Bombardement hatte zum Ziel, die Nachschubwege der Serbischen Armee zu unterbrechen.

Auch in Belgrad sind noch immer die Spuren des Krieges zu sehen. Wir besichtigen eine Festung und steigen wie tausende andere Touristen in die Krypta einer riesigen Kirche, die über und über mit Gold verziert ist. Woher stammt all dies Geld? Den Nachmittag geniessen wir in Musse an Deck, direkt an der Belgrader Partymeile.

 


Am Montag stehen wir sehr früh (in der Nacht haben wir die Grenze der Zeitzone überschritten) in stürmisch kaltem Wind an Deck und bestaunen die Durchfahrt durch die Katarakte am eisernen Tor. Die Donau fliesst hier durch eine Schlucht, umgeben von hohen Bergen. Grimmig grüsst der Dakerkönig Decebalus, Gegner Trajans im 2. Dakerkrieg, 105 – 106 n.Chr..
Prof Wikipedia:
„Trajan kehrte mit 330 Tonnen Gold, 165 Tonnen Silber und mit 50.000 Gefangenen zurück. Somit konnte er die fatalen finanziellen Probleme Roms lösen. Der Sieg Trajans über die Daker wurde in Rom, neben anderen Erfolgen, auf der Trajanssäule dargestellt. Zudem schrieb er ein Tagebuch über die Dakischen Kriege, das jedoch verloren ging.“
Das riesige Felsporträt stammt aus dem 20./21. Jahrhundert, finanziert von einem rumänischen Geschäftsmann. Etwas später steht die Tabula Trajana knapp über dem Wasserspiegel. Trajan hatte etwa um 100 n.Chr. die rechtsufrige Römerstrasse fertig erbauen lassen, worauf diese Tafel gesetzt wurde. Beim Bau von Kraftwerk und Schleuse in den frühen Siebzigerjahren stieg der Wasserspiegel um 35 m. Die Donau setzte siebzehn Dörfer unter Wasser, und mehrere Zehntausende Menschen mussten umgesiedelt werden. Die Schleuse am Eisernen Tor sehen wir nur von Weitem. Wir durchfahren sie nicht, müssen umkehren, um Passau wieder zur rechten Zeit erreichen zu können. Orsova in Rumänien ist unser meernächster Anlegeplatz.

Vor der Rückfahrt besuchen wir noch Turnu Severin, wo Trajan eine Brücke über die Donau bauen liess (102 – 105), die Aurelian etwa 270 n.Chr. zerstören liess. Es folgte ein Abstecher nach dem Herkulesbad in Rumänien, das seinerzeit von der «Krone der Gesellschaft» rege besucht worden war (Kaiser Franz Josef und Sisi u.a.), das sich aber total verlottert präsentiert, trotz der vielen Touristenbusse. Die Schwefelquelle kannten und benutzten schon die Römer.
Die ganze Gegend hier ist bereits lange vor den Römern besiedelt gewesen. So finden sich in Lepinski vir (das wir aber nicht besucht haben) Siedlungsspuren aus den Jahren 8000 – 4000 v.Chr.!
Nun geht’s wieder stromaufwärts. Schade.
Frühmorgens erreichen wir Mohȧcs an der ungarischen Grenze, wo uns die Polizei um sechs Uhr aus den Betten holt zur Pass- und Gesichtskontrolle. Später fahren wir in die ungarische Puszta zu Reiterspielen für uns Touristen und zu einem folkloristischen «Paprikahouse».

In der Nacht fahren wir durch das hell erleuchtete Budapest

Am Morgen sind wir in Komȧrom, fahren den ganzen Tag über donauaufwärts, vorbei an einer modernen Brückenbaustelle, an Bratislava und legen in Melk an, dessen Stift wir nicht „machen“, weil wir das schon vor sechs Jahren «abgehakt» hatten.

Vorher aber besuchen wir in der Wachau Krems und Dürnstein. Hier nun stehen die Reste der Festung, in der Richard Löwenherz gefangen gehalten wurde.

 


Und dann geht’s nach Passau und nach Wil und nach Hause.

Erfreulicher Nachtrag

Wie bereits geschildert, erlitt die Excellence Baroness in Vukovar eine Panne, sodass das Ziel der Reise, das Donaudelta, nicht erreicht werden konnte. Mittelthurgau zahlte grosszügig die Hälfte der Reisekosten zurück, obschon wir während der gesamten, ursprünglich geplanten Reisezeit auf dem Schiff blieben. Zuzüglich spendierte Mittelthurgau einen Gutschein für eine zweitägige Kreuzfahrt. Wir entschieden uns für eine Gourmetfahrt auf der Excellence Princess von Basel nach Strassburg am 22. und 23. November. Darüber nun das folgende Berichtchen.

Per Bus ging’s von Wil SG an die Rheinhäfen in Basel, wo wir uns um 14:00 Uhr einschifften. Der Kapitän kündigte an: Die Reise führt uns durch acht Schleusen, sie ist 280 km lang. Die erste Schleuse erlebten wir noch bei Tageslicht auf dem kalten, windigen Deck. Am Abend dann begann die Gourmetparty: Es kochte Mike Wehrle vom Bürgenstock mit drei Souschefs. Das Essen war wie erwartet grossartig. Unter der Moderation von Dani Forler erläuterte Mike Wehrle die Menüs, ein Weinhändler die Weinauswahl und ein Fischzüchter die beiden servierten, selbst produzierten Kaviars.

Am Abend dann live-Musik und Schlummertrunk. Anderntags genossen wir eine gut einstündige Führung durch Strassburg. Der Führer griff tief zurück in die Geschichte der Stadt bis zum mittelalterlichen Städtebund, an dem auch die Eidgenossenschaft beteiligt war; und dabei schilderte er die Hafenbreifahrt. Allerdings handelte es sich 1456 um Hirse und nicht Hafer. Die Fahrt sollte beweisen , dass Zürcher Truppen schnell genug in Strassburg sein könnten. Unter den Hauptleuten Johann Simmler und Imbert von Diessbach zogen je 300 Mann Zürcher- und Berner Hilfstruppen nach Strassburg zum Garnisonsdienst. 1678 verteidigten diese Truppen tapfer den Brückenkopf Kehl und verloren gegen 40 Mann. Die Hirsebreifahrt, so lese ich, finde seit 1946 alle zehn Jahre statt. Die letzte war 2016, sodass die nächste dann 2026 sein dürfte. In Kehl lag übrigens unsere Excellence Princess. Unser Führer entliess uns beim Münster: Unerhört, die Menschenmassen, die da zirkulierten. Es war eben auch «Christchindlimärt». Dabei hatten wir extra eine Gourmetfahrt und keine Fahrt an Weihnachtsmärkte gebucht! Wir flüchteten aus der Kälte und der Menschenmasse in eine Beiz zu Choucroute de Strasbourg und Flammenkuchen. Am Nachmittag ging’s per Bus zurück nach Wil.

Knappe Übersicht über unsere bisherigen Fluss-Kreuzschifffahrten

2013: Mit der Excellence Royale von Passau bis Bratislava auf der Donau
2014: Mit der Excellence Royale in der gleichen Kabine von Paris an den Atlantik
2016: Mit der Excellence Queen durch Holland
2019: Mit der Excellence Baroness auf der Donau mit Motorschaden in Vukovar
2019: Mit der Excellence Princess auf dem Rhein bis Strassburg

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